Zweite Reihe
Ein Horn begleitet die Titelheldin auch hier. Doch Klarinette und Fagott gesellen sich dazu, eine Zwiesprache, die weniger das Leid einer verklärten, vergötterten Heroine zum Ausdruck bringt als einer verletzten, zagenden Frau. Eine Nummer kleiner, das trifft es nicht ganz bei Ferdinando Paër und seiner 1804 in Dresden uraufgeführten «Leonora». Es ist, wenn man so will, der intimere Blick auf jene Vorlage, die Beethoven zu seiner Opern-Entgrenzung provozierte.
Aus Ohr und Hirn bringt man den «Fidelio» beim Hören der kleineren Schwester nicht.
Zu offensichtlich nicht nur die textgleichen Stellen, zu auffällig auch manche klanglichen Allusionen: von der Arie der als Mann Maskierten bis zum Monolog des Eingekerkerten, der hier Florestano heißt. Immer wieder gab es Reanimationen der «Leonora» aus der Feder des Opernvielschreibers Paër. Nun also Innsbruck – die Festwochen der Alten Musik feiern damit nicht nur das Beethoven-Jahr, sondern auch das zehnjährige Festival-Jubiläum ihres künstlerischen Leiters Alessandro De Marchi.
Paër mag sich der Formelhaftigkeit des Nachbarocks bedienen und in den Secco-Rezitativen zu Stereotypen neigen. Es gibt ein klassisches Tumult-Finale am Ende ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Seit es ihn gibt, ist der Wagner-Gesang in der Krise. Warum, versuchte im April 2017 ein mit Wissenschaftlern und Praktikern besetztes Symposium in Wien ästhetisch, historisch, soziologisch und stimmtechnisch einzukreisen – nun sind die Vorträge und Gespräche als Buch erschienen. Wagners Verschmelzung von Wort- und Tonsprache – er selbst spricht in «Oper und Drama»...
Vor einem Jahr war es so weit: Im Osten Georgiens präsentierte sich ein neues Musikfestival, das Tsinandali Festival. Benannt ist es nach dem Schauplatz, einem historischen Anwesen, das im frühen 19. Jahrhundert dem georgischen Dichterfürsten (und General der russischen Armee) Alexander Tschawtschawadse als Wohnsitz diente und bis heute ein renommiertes Weingut...
Das ist großsprecherisch, prahlerisch, Italien und die Gascogne in einem, und: es ist wahr!» Das schrieb Hector Berlioz 1855 anlässlich der ihm vom jungen Hans von Bülow und von Liszt abverlangten Revision seines «Benvenuto Cellini» von 1838 für dessen Weimarer Revival in den 1850er-Jahren. Er hatte bei der Uraufführung alle überfordert, die Ausführenden ebenso wie...
