Zweite Reihe
Ein Horn begleitet die Titelheldin auch hier. Doch Klarinette und Fagott gesellen sich dazu, eine Zwiesprache, die weniger das Leid einer verklärten, vergötterten Heroine zum Ausdruck bringt als einer verletzten, zagenden Frau. Eine Nummer kleiner, das trifft es nicht ganz bei Ferdinando Paër und seiner 1804 in Dresden uraufgeführten «Leonora». Es ist, wenn man so will, der intimere Blick auf jene Vorlage, die Beethoven zu seiner Opern-Entgrenzung provozierte.
Aus Ohr und Hirn bringt man den «Fidelio» beim Hören der kleineren Schwester nicht.
Zu offensichtlich nicht nur die textgleichen Stellen, zu auffällig auch manche klanglichen Allusionen: von der Arie der als Mann Maskierten bis zum Monolog des Eingekerkerten, der hier Florestano heißt. Immer wieder gab es Reanimationen der «Leonora» aus der Feder des Opernvielschreibers Paër. Nun also Innsbruck – die Festwochen der Alten Musik feiern damit nicht nur das Beethoven-Jahr, sondern auch das zehnjährige Festival-Jubiläum ihres künstlerischen Leiters Alessandro De Marchi.
Paër mag sich der Formelhaftigkeit des Nachbarocks bedienen und in den Secco-Rezitativen zu Stereotypen neigen. Es gibt ein klassisches Tumult-Finale am Ende ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Man muss nicht gleich die Labyrinthe der Hegel’schen Dialektik bemühen, um zu erfahren, dass Gegensätze, ja Widersprüche, sich keineswegs ausschließen. Zwei Beispiele: Der Pianist Friedrich Gulda, als Exponent eines «modernen», motorisch-energetischen Beethoven-Stils ebenso gefeiert wie als engagierter Jazzmusiker mit Misstrauen bedacht, nannte als Vorbilder...
JUBILARE
Wenige haben den Diskurs über Oper und Musiktheater heute stärker geprägt als er. Mit Adorno, Heidegger und Derrida im Hinterkopf, begriff Klaus Zehelein künstlerisches Handeln stets als reflektierte Auseinandersetzung mit der Gegenwart des Vergangenen und der Geschichtlichkeit des Gegenwärtigen. Angefangen hat er in den 1960er-Jahren als junger...
Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische...
