Ein Kind ihrer Zeit
Wie wohl ihr Social-Media-Account heißen würde? «@LaDivina» oder «@Mariacallas»? Oder einfach nur «@Maria»? Und wer würde ihn betreuen? Das Management, die Plattenfirma, sie selbst? Womöglich gäbe es die neuesten Roben zu sehen, Schnappschüsse von den Proben, gestellte Aufführungsfotos oder Privates mit dem aktuellen Lebensabschnittsgefährten, manchmal auch kleine Videos. Doch stopp: Spätestens in diesem Augenblick dürfte nicht nur der Hardcore-Fan abwinken. Denn letztlich wäre das alles unvorstellbar, vielleicht auch unwürdig aus Sicht der Callas, überflüssig, stillos.
Eine Klaviatur der Öffentlichkeitswirksamkeit, auf der sie es nicht nötig gehabt hätte zu spielen. Oder etwa doch?
Ein Gedankenexperiment jedenfalls, vor dem insbesondere Historiker Abscheu empfinden. «Was wäre, wenn?» – es ist die verbotene Frage. Kein Mensch kann sie auch nur halbwegs und mit überprüfbarer Substanz beantworten. Das Experiment zielt aber weniger auf einen objektiven Beweis. Es geht vielmehr um den Kontrast, um den Vergleich. Um die Vergegenwärtigung einer Karriere, die tatsächlich, wenigstens dies sollte als gesichert gelten, wie keine zweite war. Eine solche Laufbahn, genau darum geht es, war und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: La divina, Seite 89
von Markus Thiel
Eigentlich wäre die Sache ganz einfach: Ein Jüngling liebt ein Mädchen, und die liebt keinen anderen. Das Glück liegt auf der Straße, die schon viele zuvor entlanggingen, der Jüngling muss sich nur bücken, es aufheben und in die Tasche stecken. Was aber in der Realität häufig genug funktioniert (allerdings mit höchst unterschiedlichen Endergebnissen), findet sich...
Ein ahnungsloser Reisender wäre vermutlich nachhaltig irritiert, käme er an einem milden Herbstnachmittag am Frankfurter Hauptbahnhof an und würde seinen Weg zu Fuß durch das Bahnhofsviertel in Richtung Willy-Brandt-Platz antreten. Der Pfad zur Kunst, er ist steinig und für zarte Gemüter nicht eben angenehm. Seit einigen Jahren wächst die Armut und damit auch die...
Sir Georg Solti erinnerte sich: Schon 1947 habe er als Mittdreißiger an der Bayerischen Staatsoper einen «Tristan» dirigiert – auswendig. Der greise Richard Strauss äußerte sich im Gespräch danach höchst anerkennend, auch über die Gedächtnisleistung, um dann überraschend zu fragen: Im H-Dur-Schluss, dem klanglich «schönsten» Akkord der Musikgeschichte, spielten...
