Dein ist mein ganzes Herz
Eigentlich wäre die Sache ganz einfach: Ein Jüngling liebt ein Mädchen, und die liebt keinen anderen. Das Glück liegt auf der Straße, die schon viele zuvor entlanggingen, der Jüngling muss sich nur bücken, es aufheben und in die Tasche stecken. Was aber in der Realität häufig genug funktioniert (allerdings mit höchst unterschiedlichen Endergebnissen), findet sich insbesondere in der romantischen Dichtung selten. Der Held, der kaum je einer ist, wandelt suchend durch die Welt, die wahre Liebe aber findet er nur in Ausnahmefällen.
Genau aus diesem Schmerz, aus dieser unerfüllten Sehnsucht heraus, entsteht Kunst. Und findet die Lyrik der Tristesse dann noch einen musikalischen Genius, der ihren Geist aufzuspüren imstande und willens ist, sie in Töne zu fassen, dann entstehen zuweilen Wunderwerke wie die «Winterreise» oder «Die schöne Müllerin». Will man das Lebensgefühl einer ganzen Generation von poetisch nicht nur angewehten, sondern förmlich durchdrungenen jungen Menschen verstehen, kommt man an beiden Liedzyklen kaum vorbei. Was zum einen den genialen Versen des (bis heute geradezu sträflich unterschätzten) Dichters Wilhelm Müller zu danken ist und zum anderen jenem Komponisten, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: Nachwuchssänger des Jahres, Seite 52
von Olga Myschkina
«Stephans ernste Begabung steht außer Frage.» Das schrieb der noch keine 21 Jahre alte Theodor Wiesengrund-Adorno (der sich erst im amerikanischen Exil als Theodor W. Adorno bezeichnete) im Mai 1924 über eine Aufführung von Rudi Stephans 1913 entstandener «Musik für Geige und Orchester». Doch empfand er den im Weltkrieg Gefallenen bereits als Zeuge einer...
Als im vergangenen Jahr Christoph Menkes «Theorie der Befreiung» erschien, musste man bei der Lektüre gleich zu Beginn schlucken. Denn die Diagnose des Frankfurter Philosophieprofessors war beileibe nicht dazu angetan, Hoffnungsfunken zu versprühen: «Wir leben in einer Zeit gescheiterter Befreiungen.» Das war starker Tobak, der sich nur wenige Zeilen später noch...
Was Hollywood mit Kasan gemeinsam hat? Auf den ersten Blick wenig. Dennoch lassen sich Kongruenzen herstellen, beispielsweise über «Otschi tschornyje» («Schwarze Augen»), jenes sehnsüchtige Lied auf einen Text von Jewhen Hrebinka und mit der Musik Florian Hermanns, das in den 1930er-Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika äußerst populär wurde. Unter diesem...
