Ein einziges Als-ob
Was könnte für das Moskauer Publikum, das seit drei Jahren gezwungen ist, seine Emotionen in der Öffentlichkeit zu unterdrücken, besser sein als eine veristische Oper mit einem inbrünstigen Dichter im Mittelpunkt?
Auf der Bühne erscheint jedenfalls ein Andrea Chénier mit Leidenschaft und Nachdruck – Najmiddin Mavlyanov übertrifft sich in der Titelrolle von Giordanos Musikdrama selbst. Seine an Farben reiche, kraftvolle Stimme beherrscht eine Aufführung, die weder durch szenische Innovationen noch durch dirigentische Weisheit beeindruckt.
Mavlyanov präsentiert uns den Titelhelden als gleichermaßen feurig und leidenschaftlich, erhaben und leidend, dem Tod zugewandt wie in Wahnsinn verfallend. Insbesondere die hohen Töne haben eine ungeheure Strahlkraft. Es scheint, als befände sich dieser Sänger auf dem Zenit seiner vokalen Möglichkeiten. Aber auch schauspielerisch ist seine Darbietung außergewöhnlich.
Mavlyanov trifft an diesem Abend auf würdige Partner: Evgeny Kachurovsky verleiht seinem Roucher jene elegante Noblesse, die sofort für sich einnimmt und die Figur bemerkenswert scharf konturiert. Auch Gabriel De-Rél mit seinem kraftvollen Bass und düsterer Geschäftigkeit (Mathieu) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Alexej Parin
Das Schicksal des Menschen ist, so scheint es zumindest, elastisch. Es kann prokastiniert, gedehnt und verzögert werden, nicht jedoch ins Unendliche. Unweigerlich kommt irgendwann der Moment, in dem das Gummi des Lebens reißt und der Tod durch die Tür tritt, unheimlich, still und nur selten leise. Dem (Musik-)Philosophen Vladimir Jankélévitch verdanken wir die...
Natürlich muss man, fällt der Begriff der «Heimat», sogleich an Edgar Reitz denken, an sein epochales Filmepos gleichen Namens. Und natürlich hält die philosophische Literatur jede Menge schlaue Sentenzen zu diesem Topos bereit. Etwa die des stets heimatverbundenen, urdeutschen Denkers Martin Heidegger. In seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» sinniert er über unser...
Wer ein Weltreich regiert, ist mitunter selten zu Hause. Für Philippe II. galt dies im Besonderen, der spanische König tat sich schwer, sein Imperium zusammenzuhalten. Der Aufstand in den Niederlanden machte ihm ebenso zu schaffen wie die verlustreichen Auseinandersetzungen mit England und jener Langzeitkrieg gegen Frankreich, der 1559 schließlich beendet werden...
