Menschenwerk und Gottes Beitrag
Das Schicksal des Menschen ist, so scheint es zumindest, elastisch. Es kann prokastiniert, gedehnt und verzögert werden, nicht jedoch ins Unendliche. Unweigerlich kommt irgendwann der Moment, in dem das Gummi des Lebens reißt und der Tod durch die Tür tritt, unheimlich, still und nur selten leise. Dem (Musik-)Philosophen Vladimir Jankélévitch verdanken wir die Erkenntnis, dass dieser Augenblick, als «vereinzeltes und unvergleichliches Ereignis», sich auf keinen Begriff bringen und in keine Kategorie zwingen lässt.
Auch der Tod selbst, jene durchscheinende Membran, die das Diesseits vom Jenseits trennt, ist Mirakel und Stachel, er trägt, wie Jankélévitch es in seiner dialektisch durchwirkten und gerade deswegen so delikaten Studie «La mort» aus dem Jahr 1977 schreibt, das Gepräge des Absurden. Er ist eine Leere, die plötzlich im Leben eines jeden Wesens aufbricht: «Das Seiende, das wie durch eine wundersame Verfinsterung plötzlich unsichtbar wird, stürzt auf einmal durch eine Falltür des Nicht-Seins».
Für die Titelfigur in Dallapiccolas Bühnenwerk «Il prigioniero», das die Erfahrungen des Komponisten mit Krieg wie Faschismus widerspiegelt und als gebrochenes Dokument menschlicher ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Jürgen Otten
Von dem französischen Maler und Graphiker Pierre Soulages ist ein Satz überliefert, der in knapp-konzisen Worten das Selbstverständnis eines Künstlers beschreibt: «Es ist das, was ich mache, was mich lehrt, wonach ich suche.» Auch für Pascal Dusapin besitzt diese sublime Sentenz Gültigkeit; kaum zufällig stellte er sie seinem Essay «Das Empfindsame komponieren»...
Ein paar Zentimeter sind es nur, aber in diesem Moment, beim letzten Zusammentreffen von Tatjana und Onegin, fühlt es sich an wie ein Theatercoup. Ein Bühnenrechteck mit beiden fährt nur eine Handbreite nach oben, hier aber macht das den Eindruck einer Himmelfahrt. Solch eine Detailwirkung kann es nur geben, wenn eine Aufführung mit extremer Ökonomie der szenischen...
Wer schön sein will, sagt der Volksmund, muss leiden. Und wer wüsste das besser als Clorinda und Tisbe, die beiden «rechtmäßigen» Töchter Don Magnificos. Die Ouvertüre zu Rossinis Dramma giocoso zeigt sie bei morgendlichen Gymnastik-Übungen; angeleitet werden die beiden schläfrigen Damen von einem Tanzquartett, das in knappen weißen Trikots überaus gelenkig und mit...
