Ein Bild zerfällt
In Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Dorian Gray» lässt sich der Titelheld in seiner Jugend von einem berühmten Maler porträtieren, um wenigstens auf dem Bild etwas von seiner Schönheit zu bewahren. Vorsorglich verhängt er das Gemälde, um nicht jeden Tag die wachsende Differenz zwischen Abbild und persönlicher Realität feststellen zu müssen.
Bekanntlich geht die Geschichte so aus, dass Dorian Gray in der Wirklichkeit bis ins hohe Alter unverändert der strahlende Jüngling bleibt, obwohl er ein liederliches Leben führt, während sich hinter dem Vorhang der Alterungsprozess auf dem Porträt abzeichnet. Der Anblick ist tödlich. Der Diener findet den toten Gray als hässlichen Greis, während das Bild nunmehr wieder in alter Herrlichkeit leuchtet.
In der Kaiserslauterner Aufführung von Leos Janáceks «Die Sache Makropulos» entwickelt die Regisseurin Mareike Zimmermann eine vergleichbare «optische» Dramaturgie. Sie führt ein stummes Double für die Figur der Emilia Marty ein, kleinwüchsiger, faltiger, graugesichtiger, in der gleichen Kleidung. Geraldine Navarro spielt diese stumme Emilia mit einer wunderbaren, leisen Präsenz: eine Botin aus dem Schattenreich, in das die lebende Emilia bald ...
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In der Woche vor der Premiere von Mussorgskys «Boris Godunow» an der Wiener Staatsoper war Vladimir Putin auf Staatsbesuch in Wien, was die satirische Bemerkung kursieren ließ, Macht wechsle häufiger von Hand zu Hand als von Kopf zu Kopf. Als Aphorismus klingt das gut, doch ist es leider historische Realität – nicht nur der russischen Geschichte, die in Mussorgskys...
Kürzlich wurde gemeldet, Londons Royal Opera House Covent Garden habe das DVD-Label Opus Arte gekauft. Von einem einstelligen Millionenbetrag in Pfund war die Rede. Zwar kann man sich vom Festival in Glyndebourne schon seit Jahren die Produktionen auf Video oder DVD mit nach Hause nehmen. Trotzdem ist es das erste Mal, dass ein Repertoirehaus derart in die...
Tornerà d’auro il secolo?» – Wird das Goldene Zeitalter wiederkehren?, fragt der Chor im jubeltrunkenen Finalstück jener legendären sechs «Florentiner Intermedien», die 1589 für eine pompöse Aufführung der Komödie «La pellegrina» am Hof der Medici entstanden. Vor 418 Jahren war das natürlich nur eine rhetorische Frage: Dass die Vermählung des Großherzogs Ferdinando...
