Editorial September/Oktober 2020
Ein unglaublicher Vorgang: Als am 17. Juli der Verwaltungsrat des Staatstheaters Karlsruhe zusammentritt, um über die Zukunft des Generalintendanten Peter Spuhler zu beraten, demonstrieren knapp 300 Angestellte draußen vor der Tür, mehr als ein Drittel der Belegschaft. Die unmissverständliche Botschaft: Das Haus brauche dringend einen Neuanfang, und der sei nur ohne Spuhler möglich. Schon im Vorfeld hatte sich der Personalrat in einem offenen Brief klar positioniert.
Das Haus leide unter einem «toxischen Arbeitsklima», der Führungsstil des Chefs sei durch «Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle» geprägt. In einer schriftlichen Stellungnahme der Orchester- und Chorvorstände vom 13. Juli ist von «Arbeitsverhältnissen» die Rede, «die [...] in der Sparte Oper [eine] selbstbestimmte, künstlerische Arbeit eigentlich hoch motivierter Spitzenkräfte verhindern». Und die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters, der mit über 1400 Mitgliedern größte Kulturförderverein Karlsruhes, zieht in einem am gleichen Tag veröffentlichten Statement ein vernichtendes Resümée: «Ein achtungsvolles Miteinander setzt Vertrauen voraus, das durch die Vorkommnisse irreparabel ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Albrecht Thiemann
Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Höher, schneller, weiter – das ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken galt bislang als gesellschaftskritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten...
Man habe «pausenlos zu tun», sagt Elisabeth Ehlers vom Münchner Künstlersekretariat am Gasteig, «richtig viel Arbeit». In Agenturen herrscht derzeit Hochbetrieb: Konzerte werden auf kommende Spielzeiten verlegt, Programme den neuen Spielbedingungen angepasst, Verträge für abgesagte Veranstaltungen abgewickelt, neue für kurzfristig wieder angesetzte abgeschlossen....
Vor einem Jahr war es so weit: Im Osten Georgiens präsentierte sich ein neues Musikfestival, das Tsinandali Festival. Benannt ist es nach dem Schauplatz, einem historischen Anwesen, das im frühen 19. Jahrhundert dem georgischen Dichterfürsten (und General der russischen Armee) Alexander Tschawtschawadse als Wohnsitz diente und bis heute ein renommiertes Weingut...
