Editorial September/Oktober 2020
Ein unglaublicher Vorgang: Als am 17. Juli der Verwaltungsrat des Staatstheaters Karlsruhe zusammentritt, um über die Zukunft des Generalintendanten Peter Spuhler zu beraten, demonstrieren knapp 300 Angestellte draußen vor der Tür, mehr als ein Drittel der Belegschaft. Die unmissverständliche Botschaft: Das Haus brauche dringend einen Neuanfang, und der sei nur ohne Spuhler möglich. Schon im Vorfeld hatte sich der Personalrat in einem offenen Brief klar positioniert.
Das Haus leide unter einem «toxischen Arbeitsklima», der Führungsstil des Chefs sei durch «Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle» geprägt. In einer schriftlichen Stellungnahme der Orchester- und Chorvorstände vom 13. Juli ist von «Arbeitsverhältnissen» die Rede, «die [...] in der Sparte Oper [eine] selbstbestimmte, künstlerische Arbeit eigentlich hoch motivierter Spitzenkräfte verhindern». Und die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters, der mit über 1400 Mitgliedern größte Kulturförderverein Karlsruhes, zieht in einem am gleichen Tag veröffentlichten Statement ein vernichtendes Resümée: «Ein achtungsvolles Miteinander setzt Vertrauen voraus, das durch die Vorkommnisse irreparabel ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Albrecht Thiemann
Vor einem Jahr war es so weit: Im Osten Georgiens präsentierte sich ein neues Musikfestival, das Tsinandali Festival. Benannt ist es nach dem Schauplatz, einem historischen Anwesen, das im frühen 19. Jahrhundert dem georgischen Dichterfürsten (und General der russischen Armee) Alexander Tschawtschawadse als Wohnsitz diente und bis heute ein renommiertes Weingut...
Ich bin nicht souverän. Kann es nicht sein, obwohl die Freiräume wieder größer werden. Die Zeit arbeitet für uns, denkt man, beruhigt man sich. Ja, wir werden wieder Theater spielen. Der Spuk wird ein Ende haben. Aber souverän? NEIN. Ich schaffe das nicht, denn ich muss zugeben, dass ich verstörende Tendenzen in meiner Psyche entdecken musste, auf die ich nicht...
Wie alle freischaffenden Musiker bin auch ich durch den Corona-Ausnahmezustand heftig mit meinem Beruf als Sängerin zeitgenössischer Musik konfrontiert worden. Bisher habe ich ihn immer als Berufung empfunden. Ungeliebte Lücken im Kalender gab es ja schon öfter, aber ein Berufsverbot auf unbestimmte Zeit war nie einkalkuliert.
Aus voller Fahrt ausgebremst, stellte...
