Editorial Mai 2020
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming.
Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen gleichermaßen geholfen werden kann.
Wie es in unseren Krankenhäusern und auf unseren Straßen, in unserem Gemüt und in unseren Köpfen aussehen wird nach Ostern, wenn dieses Heft Sie – hoffentlich gesund – erreicht, das kann jetzt niemand wissen. Erleben wir die Erschütterung der Grundfesten unserer Gesellschaft und damit auch des Kulturlebens – oder demnächst eine Renaissance der Zivilgesellschaft und der Künste?
Was wird währenddessen aus den frei arbeitenden KünstlerInnen, den vielen EinzelkämpferInnen, den nun Vereinzelten? Wie schnell erreicht sie die versprochene Soforthilfe? Bevor sie privat insolvent werden und die Miete nicht mehr zahlen können? Was wird aus den vielen Freien Theatern und Gruppen? Wer kompensiert die fehlenden Kasseneinnahmen?
Wenn die Häuser wieder öffnen (zu Saisonbeginn?), werden die Zuschauer dann ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Michael Merschmeier
Ein Virus raubt der Welt den Atem, nimmt auch der Kunst den Lebensraum. Schon am 12. März, noch bevor in Österreich rigorose Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, verkündeten die Osterfestspiele Salzburg und die Spitzen der Landes- und Stadtpolitik die Absage des Festivals für 2020. Erstmals seit 1967 wurden zehn Festspieltage ersatzlos gestrichen. Kein neuer...
25. Februar ‒ She
Die ersten Atemmasken und schwarzen Plastikhandschuhe auf dem Frankfurter Flughafen hinterlassen ein ungutes Gefühl. War es das jetzt mit der Normalität, frage ich mich zu einem Zeitpunkt, als von Ladenschließungen, Ausgehsperren, Grenzschließungen und Massenquarantäne in Europa noch keine Rede ist. Ist das schon «She», die Seuche, das...
Die Alten, für die Pest und Cholera, Krieg und Typhus zum Alltag gehörten, kannten das Kunstgewerbe der Negativität noch nicht. Sie waren sich ihres Lebens nicht sicher genug, um sich mit schlechten Aussichten interessant zu machen. Weil die Bedrohung des Lebens so real war, gab es eine Pflicht zum lieto fine, zum heiteren Ende. Denn aller Pessimismus ist viel...
