Das große Zittern
Ein Virus raubt der Welt den Atem, nimmt auch der Kunst den Lebensraum. Schon am 12. März, noch bevor in Österreich rigorose Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, verkündeten die Osterfestspiele Salzburg und die Spitzen der Landes- und Stadtpolitik die Absage des Festivals für 2020. Erstmals seit 1967 wurden zehn Festspieltage ersatzlos gestrichen. Kein neuer «Don Carlo», keine «Piccola cubana» von Hans Werner Henze, keine Konzerte. Christian Thielemann, die Staatskapelle Dresden, Solisten, Chöre: ausgeladen.
Die Osterfestspiele: ohne Kartenerlöse (die Eintrittspreise werden rückerstattet), dafür mit aufgelaufenen Kosten belastet. Und nicht zu vergessen: die völlige Blockade des Wirtschaftsmotors, der gerade zu Ostern stets zahlungskräftigste Klientel nach Salzburg bringt. Die Entscheidung wäre durch die wenig später erfolgten Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung ohnehin unumgänglich geworden: Kollektive mit hunderten Mitwirkenden auf den Bühnen, tausende Besucher aus vielen Ländern, davon viele «ältere Menschen, die im dicht gedrängten Großen Festspielhaus einer besonderen Gefährdung ausgesetzt» wären, eine international hochrangige Besetzung, die, wollte sie ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Thema, Seite 28
von Karl Harb
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming.
Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen...
Wenn in diesen Tagen die Premiere von Philip Glass’ «Les Enfants terribles» im Moskauer Kindermusiktheater Natalia Saz angekündigt wird, verwundert das niemanden mehr. Seit 2010, dem Beginn der Intendanz von Georgij Isaakjan, der zuvor fast 20 Jahre Künstlerischer Leiter der Oper in Perm war, hat sich das «Saz» in ein Haus verwandelt, das einen wohltuend...
Verspottet hätten sie ihn, 14-mal. In Luxemburg, Innsbruck, Mailand, Moskau, Luzern oder Paris. Und Julian Prégardien hätte als Evangelist davon berichtet, vom Bespeien und Schlagen des Heilands, mit gebotener, von ihm gewohnter Emphase. Mutmaßlich. Denn irgendwann, in der zweiten Märzhälfte, ereilte auch den Tenor das Schicksal: Alle Matthäus-Passionen mit dem...
