Editorial Juli 2021
Der Witz ist alt, aber nach wie vor gut, und er geht so: Drei Herren sitzen droben auf der Himmelswiese lorbeerumkränzt beieinander und debattieren darüber, wer von ihnen zu Lebzeiten der größte Dirigent aller Zeiten gewesen sei. Als Erster führt Karl Böhm das Wort. Und erzählt den beiden anderen eine staunenswerte Geschichte: Gott höchstselbst sei ihm im Traum erschienen und habe ihm bedeutet, er, also Karl, sei der größte Dirigent aller Zeiten. «Seltsam», erwidert da Leonard Bernstein.
Er habe exakt denselben Traum gehabt, allerdings mit dem Unterschied, dass ihm der liebe Gott gesagt habe, er allein, also Lenny, verdiene die Auszeichnung. Eine Weile herrscht Schweigen, dann erhebt Herbert von Karajan machtvoll-dröhnend seine Stimme: «Sie irren, meine Herren. Ich habe nichts dergleichen gesagt.»
Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Dirigenten in der Tat als Titanen des Taktstocks, als unantastbare «Herrscher der Welt» (Elias Canetti). In den letzten Jahren aber hat, zum Glück für uns alle, ein Umdenken eingesetzt. Nicht länger gilt der Mann am Pult (und, Gott sei’s geklagt, zu gering ist die Zahl der Frauen, die dort eine wichtige Rolle spielen, als dass man sie schon ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Drei Frauen. Vereint im Leiden an der Welt, an der Liebe, an den Männern. Sämtlich suchen sie ihr Seelenheil im sehnenden, flehenden Gebet, für das Giuseppe Verdi und Pietro Mascagni ihnen die ergreifendste Musik auf die Stimmbänder geschrieben haben; eine Musik, die in dünner Höhenluft schwelgt und schwelt, und das, wenn man so will, chromatisch ansteigend. Verdis...
Das Stück? Im Grunde unspielbar. Ein Ungetüm mit 50 Personen, in seiner Urgestalt elf Stunden lang, mehr geschichtsphilosophisches Opus summum seines Schöpfers, bis zum Bersten gefüllt mit katholisch grundierter Anschauung und durchdrungen von jenem feu sacré, das auch die anderen Theatertexte Paul Claudels erleuchtet. «Le Soulier de satin», zwischen 1919 und 1923...
Giusto Fer(di)nando Tenducci (ca. 1735–1790) war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Kastraten ihre Libido und veränderte Körperfettverteilung durch Testosteronsubstitution wieder normalisieren konnten, so dass die zu einem vokalen Wipfel-Dasein Erkorenen sich auch ein bewegtes erotisches Leben nicht versagen mussten. Zumal das Messerchen ja «bloß» die Hoden...
