Editorial Dezember 2020
Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung. Also: Erinnern wir uns an den Sommer.
An das weithin hörbare, erstaunte Raunen innerhalb der Kulturszene, als die Salzburger Festspiele, im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals, ihre Pforten öffneten – vier Wochen lang, mit verknapptem, gleichwohl inhaltsvollem Programm sowie einem auf Hochglanz polierten Hygienekonzept, das die Gesundheit gleichermaßen für Künstler und Publikum garantierte; zumindest durfte man das annehmen, da die Infektionszahlen während des Festivals nicht signifikant stiegen. Oder eigentlich gar nicht. Und das weder in Salzburg noch andernorts, wo man das mutige Pilotprojekt kurz darauf zum Anlass nahm, ebenfalls wieder zu spielen, und dabei mit größter Vorsicht zu Werke ging.
Tempi passati. Auf den Sommer folgte der Herbst, und der ist zusehends von Bitterkeit, Verzweiflung, hier und da sogar ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Man müsse, schrieb der Dichter Charles Baudelaire 1851 in einem Aufsatz über Pierre Dupont, den populären Chansonnier der 1848er-Revolution, «ein Werk sich anverwandeln, um es recht auszudrücken». Der Bariton Laurent Naouri hat sich diese Devise zu eigen gemacht, wenn er jetzt eine CD vorlegt, auf der er französische Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy und...
In seiner Begrüßungsrede versprach Barrie Kosky dem Publikum «zweieinhalb Stunden vollkommenen Blödsinns» – womit seine Inszenierung beinahe erschöpfend umschrieben ist. General Bumm und die adligen Kretins am Gerolsteiner Hof turnen im kugelrunden Distanzdress über die leere Bühne, die Slapsticks sind auch nicht durchweg haute couture, sondern oft von der Stange,...
Don Juans musikalische Bühnenkarriere begann bereits 100 Jahre vor Mozart mit der 1669 im Privattheater der Adelsfamilie Colonna uraufgeführten Oper «L’empio punito» («Der bestrafte Gottlose») von Alessandro Melani (1639–1703), der seit 1667 als Kirchenkomponist in Rom wirkte. Mit ihrer deftigen Komik und expliziten Erotik ist Melanis Dramma per musica noch...
