Editorial 8/23
Entwürfe sind, im Leben wie in der Kunst, etwas Feines. Ihnen genügt der Vorschein des Vollendeten, die Aura der Andeutung; sie erlauben es, lustvoll mit Dingen zu jonglieren, fantasievoll zu fabulieren, sogar grenzenlos zu spekulieren – und das ohne den Zwang, die Ideen eins zu eins an die Realität anzupassen. Entwürfe bergen jenen Zauber, den Robert Musil in seinem Jahrhundertroman «Der Mann ohne Eigenschaften» mit literarisch-philosophischer Finesse den «Möglichkeitssinn» genannt hat, gleichsam als Gegenbild zum «Wirklichkeitssinn».
Als die ersten Entwürfe für den Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt vorlagen, konnte man das förmlich spüren. Die gewählte Spiegellösung – mit der Oper am alten Standort des Schauspiels und dem Schauspiel vis-à-vis in der Taunusanlage – fand quer durch alle politischen Parteien große Zustimmung. Man mochte dieses zwar kostenintensive, aber ästhetisch reizvolle architektonische Projekt, auch weil die Idee dahinter von Vernunft geprägt schien, weil sie etwas Visionäres barg.
Und nun das! Glaubt man der «FAZ», ist die favorisierte Spiegellösung so gut wie sicher vom Tisch. Zu groß, heißt es, seien die Bedenken, durch den Neubau könne die für die ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Über den Schluss von Wagners «Götterdämmerung» ist viel gerätselt worden. Der Komponist zog sich im orchestralen Nachspiel zurück auf ein Thema, das seit seinem ersten Auftreten im dritten Akt der «Walküre» nie mehr erklungen war. In der Regieanweisung ist von «Männern und Frauen» die Rede, die «in höchster Ergriffenheit» dem Brand Walhalls zuschauen – bislang...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Im Orchestergraben zu weinen ist natürlich schwierig, aber als Zuschauer geht mir «Wotans Abschied» in der «Walküre» sehr nah.
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
In Zermatt, wenn es genug Platz gäbe!
Ihr Geheimrezept fürs Überleben während der Proben?
Ein guter Teamgeist.
Welche Oper halten Sie für überschätzt?
Sagen wir...
Es war ein Jahr voller Krisen, dieses 1923: Hyperinflation, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen, der dadurch angestachelte Nationalsozialismus (mit bekannten, schlimmsten Folgen wenige Jahre später). In seinem Buch wirft der 1975 geborene Tobias Bleek ein besonderes, intensives, immersives, informatives Dauerschlaglicht auf die...
