Editorial 8/23
Entwürfe sind, im Leben wie in der Kunst, etwas Feines. Ihnen genügt der Vorschein des Vollendeten, die Aura der Andeutung; sie erlauben es, lustvoll mit Dingen zu jonglieren, fantasievoll zu fabulieren, sogar grenzenlos zu spekulieren – und das ohne den Zwang, die Ideen eins zu eins an die Realität anzupassen. Entwürfe bergen jenen Zauber, den Robert Musil in seinem Jahrhundertroman «Der Mann ohne Eigenschaften» mit literarisch-philosophischer Finesse den «Möglichkeitssinn» genannt hat, gleichsam als Gegenbild zum «Wirklichkeitssinn».
Als die ersten Entwürfe für den Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt vorlagen, konnte man das förmlich spüren. Die gewählte Spiegellösung – mit der Oper am alten Standort des Schauspiels und dem Schauspiel vis-à-vis in der Taunusanlage – fand quer durch alle politischen Parteien große Zustimmung. Man mochte dieses zwar kostenintensive, aber ästhetisch reizvolle architektonische Projekt, auch weil die Idee dahinter von Vernunft geprägt schien, weil sie etwas Visionäres barg.
Und nun das! Glaubt man der «FAZ», ist die favorisierte Spiegellösung so gut wie sicher vom Tisch. Zu groß, heißt es, seien die Bedenken, durch den Neubau könne die für die ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Die Frage, was der Mensch sei (oder sein könne), ist von den Philosophen und Dichtern vieler Zeiten gestellt – und auch beantwortet worden. In den meisten Fällen fiel die Antwort eher ungünstig aus, am negativsten vielleicht bei Hölderlin, der, verkleidet als Hyperion, die Spezies fortlaufend dahinmodern sah, wie ein welkes Gewächs, welches sich selbst am Blühen zu...
Gian Carlo Menotti ist ein junger Mann, als er auf die Frage, wie er es geschafft hat, die Bürokratie zu überwinden, um in einer kleinen Stadt im grünen Herzen Italiens ein neues Festival ins Leben zu rufen, antwortet: «Glaube, Beharrlichkeit und Glück». Man schreibt das Jahr 1959, Menotti arbeitet schon seit mindestens drei Jahren an der Idee, völkerverbindende...
Wir sind am Schluss jetzt von dem ganzen «Ring».
Wir sind am Rhein – und nicht in Paderborn.
Es singt und singt halt jeweils eine Norn.
Man fleht, oh lieber Gott: «Mach aus das Ding!»
Doch er – der Richi – spinnt erst noch Intrigen,
Die uns nun wirklich nicht mehr int’ressieren.
Die Notdurft tut alsbald schwer zu pressieren,
Doch sitzt man fest und will sich schier...
