Drinnen ist Himmel, draußen ist Lust
Die Tonart ist, selbst für Schubert, ungewöhnlich: Fis-Moll, das klingt nach Abseitigkeit, Abgrundtiefe, vielleicht sogar nach einem endgültigen Abschied. Und so ist es auch. Die «Totengräberweise» auf Verse des Freiherrn Franz Xaver von Schlechta führt uns direkt auf den Friedhof. «Ziemlich langsam» und ziemlich leise (piano) wünscht sich der Komponist dieses Lied und unterlegt gleich den ersten Akkord auf der Dominante mit einem Akzent, so, als wolle er den imaginären Gast zwingen, kurz innezuhalten.
Ammiel Bushakevitz folgt Schuberts Spielanweisung aufs Wort, und auch in der Folge bleibt dieses Klaviervorspiel getragen, wie festgehalten, ja, fast makaber gestaut. Was auch daran liegt, dass Bushakevitz, vermutlich auf Wunsch seines Partners Samuel Hasselhorn, das Lied um eine Tonstufe nach oben transponiert spielt, in gis-Moll. Dunkler kann es kaum sein.
Hasselhorn entpuppt sich zunächst aber als sanftmütiger Totengräber. Der Text gibt es ihm vor, denn dieser wünscht sich vom «Schläfer in der Truhe», doch bitte «nicht so düster und so bleich» zu sein, er würde den Gast auf dem Totenacker «weich» zur Ruhe legen. Doch kaum taucht am nahen Horizont das Bild der Verwesung auf, verwandelt sich die Stimme des Baritons. Kraftvoll-entrüstet klingt sie nun, bei den Worten «Wird der Leib des Wurmes Raub», und nachgerade wütend, wenn die Sünde ins Spiel kommt («Denn der Herr sitzt zu Gericht!»). Jedwede Sanftmut ist entwichen, und es wird in der bestechend präsenten, beinahe existenziellen Interpretation durch Hasselhorn und Bushakevitz klar, worum es hier wirklich geht: um Leben und Tod, vor allem um Letzteres, mithin um ein Thema, das Schubert nicht erst in der «Winterreise» bang-bibbernd umkreist. Noch im Klaviernachspiel, das den Beginn zitiert, kann man diese Angst förmlich spüren, die Traurigkeit und Desillusionierung, die wohl jedes Lebensende mit sich bringt.
Ein Glück, dass es die Hoffnung gibt. Und so ist dieses konzeptuell griffige, in Antagonismen «denkende» Album auch betitelt, das vor allem Lieder enthält, die etwas außerhalb des gängigen Kanons anzutreffen sind. Wie zum Beispiel die «Totengräberweise», und wie ebenfalls «Alinde», auf ein Gedicht von Friedrich Rochlitz, und die Vertonung von Eduard von Bauernfelds Shakespeare-Adaption «An Silvia». Beide Stücke sind im Original in A-Dur gerahmt, beide erklingen in dieser Aufnahme eine Stufe tiefer, in G-Dur. Während in «Alinde» der im wiegenden 6/8-Takt geschmeidig geführte Dialog zwischen Stimme (als Vorsänger) und Klavier (als Echo) betört, zeichnet sich die Lesart des Rochlitz-Liedes durch einen lichten, auffällig munteren Tonfall aus. Schuberts Tempoanweisung («mäßig») wird kühn ignoriert; bei Hasselhorn und Bushakevitz geht es hedonistischheiter zur Sache – was die eher launigen Verse allerdings auch locker hergeben. Die trockenen Achtel des Klaviers geben den Puls vor, prickelnd wie Prosecco, die Gesangsstimme nimmt ihn auf und belebt ihn mit munter-burschikoser Diktion; auch diese Form der «Durchdringung» beherrscht Hasselhorn, im ständigen Bestreben, in erster Linie dem Text zu dienen, nahezu perfekt.
Wie subtil der Bariton und sein Begleiter dabei vorgehen, belegen die zahllosen agogischen «Manöver», die sehr genau, in höchster poetisch-musikalischer Logik den jeweiligen Worten nachempfunden sind. So etwa, wenn sie in der Vertonung von Johann Gabriel Seidls Gedicht «Im Freien» just bei dem Vers «Siehst du dort das Hüttchen stehn, / Drauf der Mondenschein ruht» für einen Augenblick innehalten, um dieser genussvollen nächtlichen Naturbetrachtung Raum zu geben. Oder, wenn sie im Lied «An die Laute» auf ein Gedicht von Johannes Rochlitz beim Wort «Blumendüfte» zögern, um eben diese «Düfte» einzusaugen, und später, wenn des Dichters Bitte aufscheint («Drum noch leiser, kleine Laute!») in der Dynamik ein Mychen unter der vorangegangenen bleiben, um die hauchzarte Differenz bemerkbar zu machen.
Das Album «Hoffnung« ist voll von solchen Preziosen, in denen sich die große Könnerschaft der Interpreten zeigt. Und auch die genuin Schubert’sche Dialektik aus Lachen und Weinen wird immer wieder evident; am deutlichsten vielleicht in der «Fischerweise», wo der «Titelheld» sich zunächst sehr barsch gibt, rau, resolut und robust, dann aber hinter der vermeintlich harten Schale einen butterweichen Kern offenbart. Wenn Samuel Hasselhorn unter blauem Himmel im Wasser «plätschert», könnte man fast glauben, ein Kind vor sich zu haben. Die Tonart des Liedes passt dazu. D-Dur, das klingt nach Natur. Nach Unbekümmertheit.
SCHUBERT: HOFFNUNG
Samuel Hasselhorn (Bariton), Ammiel Bushakevitz (Klavier)
Harmonia Mundi HMM 902779 (CD); AD: 2026
VERLOSUNG Am 9. Juli um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Medien, Seite 43
von Jürgen Otten
Siebenundzwanzig Takte gewähren nicht gerade viel Zeit und Raum, so man eine dichtgewebte Atmosphäre kreieren möchte. Giuseppe Verdi jedoch genügten sie, um das Meer vor Genua in klangmalerische, fast impressionistische Töne zu fassen – wie es wogt und schäumt, sanft hin- und herschaukelt in der Abendsonne, wie es erst vorsichtig (pianissimo), später dann, ab Takt 20, noch schüchterner...
Drama und Komik liegen manchmal nah beieinander. 1876 ging in Bayreuth erstmals der «Ring» über die Bühne des eigens dafür errichteten Festspielhauses. Gleich das Vorspiel geht daneben, Cosima berichtet in ihrem Tagebuch: « … erste Rheingold-Aufführung mit vollständigem Unstern, Betz verliert den Ring, läuft zweimal in die Kulissen während des Fluches, ein Arbeiter zieht den Prospekt zu...
Person und Werk möglichst strikt voneinander zu trennen gehört für den Rezipienten bei Richard Wagner zu den wichtigsten Überlebensstrategien. Bei manchem seiner Exegeten empfiehlt sich eine ähnliche Trennung, bei Stefan Mickisch zum Beispiel, der fünfzehn Jahre lang bei den Bayreuther Festspielen Einführungsvorträge veranstaltete – zunächst auf offizieller Seite, später, nach...
