Drei Mal Leben
Das ist doch mal ein Statement: «Ich bin schön.» In diesem dreifach einsilbigen Satz der Sancta Susanna liegt gehöriger Sprengstoff. Da bricht die Energie einer jungen Frau auf, die ihren Körper in der Sittenstrenge des Klosters nicht eine Sekunde lang spüren durfte. Wo die Keuschheit von Schwester Klementia, ihrer einzigen Vertrauten, als gemeinsames Gelübde hochgehalten wird, gerät Susanna in dieser Mainacht in Ekstase.
Das Libretto von August Stramm sieht sogar vor, dass sich die junge Nonne entkleidet, das Lendentuch des Gottessohns vom Kruzifix der Klosterkirche reißt und davor auf die Knie sinkt: extreme Entäußerung einer Emanzipierten.
In der Inszenierung von Anthony Almeida an der Opéra national de Lorraine braucht es derlei übersteigerten Realismus mitnichten, der Hindemiths 1922 in Frankfurt aus der Taufe gehobenen Einakter einst zum Skandalstück machte. Das Werk wurde als obszön, pervers und gotteslästerlich wahrgenommen. Jetzt beglaubigt Susanna ihren Akt der Selbsterkenntnis ganz schlicht mit einer enorm wirkungsvollen Geste: Als sie sich ihre Haube vom Kopf reißt, fällt eine lange rote Mähne an ihrem Rücken herab. Anaïk Morel würde in dieser Rolle glatt als ...
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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Peter Krause
arte
02.12. – 00.20 Uhr
Claudio Monteverdi: «Marienvesper» im Dom zu Worms
Mit der Aufführung am 2. Mai 2024 gastierten die Schwetzinger Festspiele erstmals im rheinischen Kaiserdom St. Peter zu Worms. Das Ensemble La fonte musica, spezialisiert auf Musik des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance, interpretiert die «Marienvesper» (Vespro della Beata...
Richard Strauss’ zehnte Oper gilt weithin als «Rosenkavalier zweiter Klasse». Das ist als Urteil über die Dramaturgie nachvollziehbar, denn der 1929 verstorbene Textdichter Hugo von Hofmannsthal hatte sein Libretto nicht mehr überarbeiten können. Die Uraufführung folgte erst 1933 in Dresden, fünf Monate nach der Machtübernahme Hitlers und seiner Terror-Bande. Aber...
Die Dämonen sind da. Oben und unten. Oben, von den Rängen, erschallen aus verborgenen Lautsprechern die (sechs) Stimmen derjenigen, deren einziges Ziel es ist, wilde Spekulationen zu verbreiten, und ihn, den Virtuosen, an den Pranger zu stellen. Unten, aus den Lamellen zur Linken wie zur Rechten sowie von der Hinterbühne, fliegen Tänzerinnen und Tänzer als seine...
