Ecce Homo

«Ring»-Auftakt in München und Mailand: Tobias Kratzers «Rheingold»-Lesart an der Bayerischen Staatsoper ist eine Großtat, David McVicars Deutung an der Scala ein Reinfall, musikalisch punktet Simone Young mehr als Vladimir Jurowski

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Eine Menschenmenge. Immer mehr kommen aus den Seitengassen, junge Paare, Alte, Kinder, es hört einfach nicht auf. Normalerweise, oft im «Ring» ist das so, starren sie jetzt ins Publikum mit der stummen Frage: «Und ihr?» Doch wir sind nicht am Ende der «Götterdämmerung», sondern beim letzten Orchesteraufbauschen im «Rheingold». Und geschaut wird nach hinten, auf einen gotischen Hochaltar, in dem Wotan samt Sippe Platz genommen hat. Mit Helm, Speer und bauschendem Brokat, so wie es sich für orthodoxe Wagnerianer gehört.

Germanische Götter formieren sich zur christlichen Ikonostase – was für ein Bild!

Im Staunen darüber kommt man aus dem Denken nicht mehr heraus. Oft ist das so in dieser Premiere an der Bayerischen Staatsoper, wo Tobias Kratzer seinen heiß erwarteten «Ring» beginnt. Und dabei oft in wenigen Minuten, in wenigen Takten eine Fülle an Deutungsmöglichkeiten offeriert. Man kann sich fesseln lassen vom Witz, vom Augenzwinkern, von den Theatertricks der ersten Ebene. Und nimmt doch unerhört viel mit, wenn man Kratzers Tiefenbohrungen Millimeter für Millimeter folgt.

Gemeinsam mit Ausstatter Rainer Sellmaier entrollt Kratzer eine Multi-Ästhetik. Fantasy und Realität, ...

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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Markus Thiel

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