Dieses obskure Subjekt der Begierde
Treffen sich zwei. Sie, eine ausgehungerte, nach (körperlicher) Liebe dürstende Frau, deren Leben aus Ennui und gemeiner Unterdrückung besteht. Er, eine Art lisny celovek, ein armer, in der sozialen Hierarchie weit untenstehender Tropf, dessen einziges Vergnügen in erotischer Vergiftung besteht. Wie zwei magnetisch aufgeladene Monaden prallen Katerina Ismailowa und Sergej aufeinander; da bleibt nicht einmal Zeit für die hohe Kunst der Verführung. Ungehemmt, wie wilde Tiere, verklammern sie sich, ohne auch nur eine Sekunde über die Folgen ihres Tuns nachzudenken.
Das Äußerste, es passiert. Einfach so.
So einfach aber ist die Geschichte eben nicht. Katerina ist verheiratet, wenn auch mit einem Jammerlappen. Sinowij Borissowitsch Ismailow, den sie gegen ihren Willen auf höheren Befehl hin geehelicht hat, leidet selbst unter den Mechanismen jenes Systems, in dem sie alle ausnahmslos leben. Im «Reich» des Boris Timofejewitsch Ismailow gilt das Gesetz der Gewalt. Und diese Gewalt kennt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Sie ist virulent, egal wohin man schaut, und sie bedient sich in vielen Fällen der Macht der Peitsche. Wer sich widersetzt oder gar entfliehen will, spürt die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Ach ja, die Liebe. Schwierige Angelegenheit. Wer mit ihr in Berührung kommt, begibt sich unweigerlich in große Gefahr (und kommt nicht selten darin um), wer ihr ausweicht, hat etwas Wesentliches im Leben außer Acht gelassen. Das wissen wohl auch Margarita und die Mädchen, wenn sie zu Beginn des zweiten Akts von Louise Bertins «Fausto» den Chor «Fuggite amor»...
Wir stellen uns die Szene vor. Eine Soirée im Hause Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueils, mit illustren Gästen, sämtlich kunstsinnige Feingeister wie die Gastgeberin selbst, die unter ihrem Pseudonym George Sand Eingang in die Literatur- und Musikgeschichte gefunden hat. Vorneweg, wie sollte es anders sein, Frédéric Chopin, der empfindsame Pianist und ihr...
Der Kontrast von elegischem Kolorit und einer den Sprung in die Moderne vollziehenden Burleske ist ähnlich reizvoll wie das klassische Doppel von Mascagnis «Cavalleria rusticana» mit Leoncavallos «Pagliacci». Durch die Kombination der «Cavalleria» mit dem 25 Jahre später entstandenen «Gianni Schicchi» wird das kriminologische Potenzial Italiens in Opernform weitaus...
