Die Zeit ist ein grausam' Ding

Stephan Mösch über die jüngsten Opernpremieren in Thüringen: Barbers «Vanessa» in Altenburg, Previns «Endstation Sehnsucht» in Eisenach, Spontinis «Fernand Cortez» in Erfurt, Solers «Il burbero di buon cuore» in Rudolstadt

Opernwelt - Logo

I. Eigentlich ist Lucilla die kapriziöse Zicke des Stückes. Sie gibt sich ­bescheiden und einfühlsam, doch gleichzeitig zieht sie ihren Mann in den Bankrott, indem sie ihrer Leidenschaft für Mode, Haute Cuisine, Schmuck und Partys frönt. Sie ist das genaue Gegenteil ihrer Schwägerin, der lieblichen Angelina, die ihren Namen nicht umsonst trägt und abendfüllend darum bangen muss, ihren Geliebten heiraten zu können. Damit wären zwei Eckpunkte der Dramaturgie klar abgesteckt. Doch es kommt alles ganz anders.

Schon bei Lucillas erster Arie blüht das Orchester auf, als säßen plötzlich mehr Musiker im Graben. Die Harmonik spielt mit Hör-Erwartungen, reizt Trugschlüsse aus. Die melodischen Bögen wach­sen und sind doch mit unruhigem Puls unterlegt. In ihrer zweiten Arie – da wurde Lucilla gerade von ihrer Verwandtschaft verstoßen, und ihrem Mann droht eine Gefängnisstrafe – zeichnet die Musik eine Tragödie des Abschieds. In Seria-Manier setzt ein groß angelegtes Accompagnato-Rezitativ an. In Töne gefasst wird innere, nicht äußere Ohnmacht. Ein geprüftes Herz fleht zu Amor und singt sich aus mit Koloraturen, die existenzielle Verun­sicherung signalisieren. Holzbläser und Hörner sekundieren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jahrmarkt der Beliebigkeiten

Unübersichtlich fast wie die Berlinale, bunter als die Internationale Tourismusbörse: So erwirtschaftete sich «MaerzMusik», das «Festival für aktuelle Musik», in fünf Jahren einen Stammplatz in der Berliner Festivallandschaft. Die Konzepte scheinen beliebig. Doch gerade das wirkt in der verknöcherten Neuen Musik fast als Befreiungsschlag. Die Auslastung stimmt, im...

Aufstand im Konzertsaal

War es Zufall oder die Macht des Schicksals? Das Orchester der Vlaamse Opera in Antwerpen, das vor kurzem noch seine Auflösung befürchten musste, spielte nun Giorgio Battistellis Oper «Prova d’orchestra» – ein Werk, das die Geschichte eines revoltierenden Klangkörpers erzählt. Vorlage für diese Kompo­sition, die 1995 in Straßburg uraufgeführt wurde, war Federico...

Opernplunder und Musiktheater

Die Expansion des DVD-Marktes hat bei den großen Opernhäusern (und nicht nur bei den großen) einen oftmals wenig selbstkritischen Veröffentlichungseifer freigesetzt. Da wird manches für die Ewigkeit konserviert, was den Ruhm des Instituts nicht mehrt, vielmehr dazu angetan ist, gewachsene Legenden zu zerstören.
Drastisches Beispiel: Die Mailänder Scala und ihre...