Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Eigentlich ist Wu Hsing-Kuo die Ruhe in Person. Ein scheuer Mann, in sich gekehrt, ernst. Nur selten huscht ein Lächeln über das scharf geschnittene Gesicht. Wu Hsing-Kuo scheint viel nachzudenken, über die verrückte Welt da draußen, über das Leben, über die Kunst, über sich selbst. Ein Stoiker, von dem niemand erwarten würde, dass er je aus der Haut fahren könnte. Doch er kann. Und wie er kann! Auf der Bühne ist Wu Hsing-Kuo ein anderes Wesen. Denn hier geht es für ihn ums Ganze, um nichts Geringeres als die Menschwerdung des Menschen im Spiel.
Und es muss perfekt sein, dieses Spiel. Die Bewegungen, die Artikulation, der Gesang. Die Maske und die Kostüme. Die Flips und die Salti. Die Gestik und die Musik. Alles muss ineinander fließen und wirken wie aus einem Guss. Keine Flüchtigkeit, kein Makel soll die delikate Balance der Ausdrucksmittel stören. Das Equilibrium, das ihm sein Meister als Ideal auftrug, damals in Taipeh, als er sich zu einem Darsteller des jingju, der so genannten Peking-Oper, ausbilden ließ. Die Harmonie, an der er – allen Zweifeln eines wachen, weltoffenen Zeitgenossen zum Trotz, der auch mit Stoffen und Formen des europäischen Theaters experimentiert – bis ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Mitte März: Spätabends schleicht eine Gruppe junger Menschen durch die Luther-Stadt Wittenberg, bepackt mit Beuteln und Taschen, und lässt in jeden verfügbaren Briefkasten ein Stück Papier hinabtauchen. Wer sich am nächsten Morgen dieses Stück Papier zu Gemüte führte, dürfte einigermaßen überrascht gewesen sein. Nicht etwa ein Werbezettel, sondern ein Flyer...
Wie bereits bei der Produktion von Rameaus «Castor et Pollux» gingen den Aufnahmesitzungen auch im Fall von Händels «Rinaldo» einige Live-Aufführungen voraus. Ende März 2004 brachten Kevin Mallon und sein Aradia Ensemble in Toronto Händels Oper konzertant auf die Bühne, und zwar in der ersten Fassung von 1711. Die CD entstand wenige Monate später und wurde jetzt...
Einmal im Kreis laufen kann eine Reise zu einem fernen Ort bedeuten, ein kurzes Kopfnicken das Ende eines langen Schlafes anzeigen. Das chinesische Theater hat Bewegungen und Gebärden wie diese über Generationen entwickelt und bewahrt. Bertolt Brecht hat es bewundert. Oder präziser: Weniger die Techniken der Beibehaltung als jene der Veränderung des Ausdruckskanons...
