Die Welt von gestern
«Überkandidelt», sagte jemand nach der Premiere von Strauss’ «Capriccio» an der Wiener Staatsoper. Das Wort mag etwas mit dem Kandieren zu tun haben, einer Konservierungsmethode für Obst, die den Zuckergehalt erhöht und den Wassergehalt reduziert. Die Assoziation hätte etwas für sich, denn der Gehalt von Strauss’ Partitur an reifer, gelegentlich überbordender Süße – hier vom Dirigenten Philippe Jordan allerdings mit Geschmack ausgekostet – ist nicht zu leugnen.
In Jordans beredter Interpretation wird zugleich offenbar, dass der Komponist sich damit in gewissem Sinne widerspricht. Denn in «Capriccio» wollte er sein stetes Ringen um Wortdeutlichkeit quasi als «Lehrstück» auf die Bühne bringen – völlig unbrechtisch freilich; der (zum Großteil selbst erfundene) Text ist vielmehr umhüllt von schmelzender Musik. Letztere stellt ein Kompendium vorangegangener Opernstile dar, bringt sie in abgeklärter Altersmeisterschaft zur Synthese. Mag sein, dass dabei auch ein wenig von dem mitspielt, was jüngere Strauss-Forscher behaupten: dass nämlich eine durchkonstruiert synthetische Ausprägung, wie sie bereits der «Rosenkavalier» vorweist, keineswegs einen Rückschritt darstellt, sondern die ...
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