Die Welt von gestern

Wien, Strauss: Capriccio

Opernwelt - Logo

«Überkandidelt», sagte jemand nach der Premiere von Strauss’ «Capriccio» an der Wiener Staatsoper. Das Wort mag etwas mit dem Kandieren zu tun haben, einer Konservierungsmethode für Obst, die den Zuckergehalt erhöht und den Wassergehalt reduziert. Die Assoziation hätte etwas für sich, denn der Gehalt von Strauss’ Partitur an reifer, gelegentlich überbordender Süße – hier vom Dirigenten Philippe Jordan allerdings mit Geschmack ausgekostet – ist nicht zu leugnen.


In Jordans beredter Interpretation wird zugleich offenbar, dass der Komponist sich damit in gewissem Sinne widerspricht. Denn in «Capriccio» wollte er sein stetes Ringen um Wortdeutlichkeit quasi als «Lehrstück» auf die Bühne bringen – völlig unbrechtisch freilich; der (zum Großteil selbst erfundene) Text ist vielmehr umhüllt von schmelzender Musik. Letztere stellt ein Kompendium vorangegangener Opernstile dar, bringt sie in abgeklärter Altersmeisterschaft zur Synthese. Mag sein, dass dabei auch ein wenig von dem mitspielt, was jüngere Strauss-Forscher behaupten: dass nämlich eine durchkonstruiert synthetische Ausprägung, wie sie bereits der «Rosenkavalier» vorweist, keineswegs einen Rückschritt darstellt, sondern die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2008
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Postveristisches Tandem

Das wagemutige und entdeckungsfreudige Festival della Valle d’Itria hat im vergangenen Jahr zwei weitgehend unbekannte Nebenwerke von Pietro Mascagni und Umberto Giordano szenisch wiederentdeckt, die aus einer Zeit stammen, als sich beide Komponisten von ihren veristischen Anfängen längst losgelöst hatten. Die Mitschnitte auf CD, die jetzt bei Dynamic...

Glückes Schmied

Nein, eine Erfolgsgeschichte konnte man das groß angelegte «Ring»-Projekt der Berliner Philharmoniker bislang wirklich nicht nennen: Vier Jahrzehnte, nachdem Herbert von Karajan die Salzburger Osterfestspiele für seine bahnbrechende Tetralogie-Interpretation gegründet hatte, erarbeitet sich das Orches­ter Richard Wagners Bühnenendspiel ­erneut. Seit 2006 gibt es in...

Große Liebe, gute Musik

Das Klima macht krank, die Kriminalitätsrate ist hoch, drinnen duftet es diskret nach Schimmel, draußen fällt tropenschnell wie ein nasses Tuch die Dunkelheit, Riesenfledermäuse fliegen ums Haus. Und wenn Wolfgang Ebert, erster Solohornist der Amazonas Filarmônica, am Sonntag seine Freundin mit Familie ausführen will, ist der attraktivste Ort, den er sich in der...