Die ungefähre Welt

Pariser Opernglück: Krzysztof Warlikowski inszeniert an der Bastille «Hamlet» von Ambroise Thomas als Trip in den Wahnsinn, Valentina Carrasco findet am gleichen Ort starke Bilder für John Adams’ Politparabel «Nixon in China»

Opernwelt - Logo

Der Wahnsinn hat Methode bei Shakespeare, vor allem in höheren Kreisen. König Leontes, von seiner Eifersucht übermannt, mutiert zum tauben Tyrannen, Macbeth und seine Lady ertrinken im Blut ihrer Mordlust, Lear irrt, seines Reichs und aller Ideale beraubt, über die Heide, und selbst ein Rationalist wie Richard III. entkommt den Geistern nicht, die er rief. In all diesen Fällen wird die reale Welt durch den Wahn ersetzt.

Das psychotische Subjekt macht sich selbst zu einem reinen Geist, zum Alleinherrscher in einer solipsistischen und gläsernen Welt, er legt das in Schutt und Asche, was der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty pointiert als «das Fleisch der Welt» bezeichnete. Die vorgegebene Welt, zunichte gemacht, verwandelt sich in eine symbolische Ordnung, das leibliche Subjekt wird zur leib- und leblosen Spukgestalt, zum Gespenst eines toten Menschen und einer untergegangenen Welt. 

Małgorzata Szczęśniak hat für all diese Verlorenen in der Bastille-Oper einen typischen, bühnenfüllenden Małgorzata-Szczęśniak-Raum gebaut – eine von schweren Eisengittern gesäumte Irrenanstalt mit Salon vorne, Gemeinschaftssaal hinten, Spaziermeile rechts. Die Einrichtung ist spärlich: ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 14
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Lachen ist Trumpf

Über den Köpfen des Publikums fliegen die Fetzen, man sitzt mitten im Kreuzfeuer verfeindeter ästhetischer Positionen. Regisseur Guillermo Amaya hat die gegnerischen Lager in seiner Heidelberger Inszenierung auf den Treppen des Zuschauerraumes und an der Bühnenrampe postiert. Komische, Tragische, Lyrische und Hohlköpfe liefern sich einen furiosen Schlagabtausch. In...

Im Zauberkreis der Nacht

In dämmrigen Grüften wohnt kein Dur. Schicksalhaft verdüstert ist dort das Dasein, von Trübsal dominiert. Und so verwundert es wenig, dass Richard Strauss für den Beginn des Orchesterlieds «Frühling» die Tonarten c-Moll und as-Moll wählt. Zwischen diesen beiden Traurigkeiten zwängt sich das Alter Ego des Komponisten in der Vertonung von Hermann Hesses Gedicht...

«Ne me touche pas!»

Sensibel in der Zeichnung der Figuren, subtil in der Reduzierung der Partitur auf gerade mal fünf Instrumente und spannend erzählt wie ein Krimi – so kommt diese maximal verdichtete Version von «Pelléas et Mélisande» daher. Das impressionistische Drame lyrique, das Debussy als Sohn des Fin de Siècle 1902 mit scheinbar von der Welt entfernter Entrücktheit auf den...