Die ungefähre Welt
Der Wahnsinn hat Methode bei Shakespeare, vor allem in höheren Kreisen. König Leontes, von seiner Eifersucht übermannt, mutiert zum tauben Tyrannen, Macbeth und seine Lady ertrinken im Blut ihrer Mordlust, Lear irrt, seines Reichs und aller Ideale beraubt, über die Heide, und selbst ein Rationalist wie Richard III. entkommt den Geistern nicht, die er rief. In all diesen Fällen wird die reale Welt durch den Wahn ersetzt.
Das psychotische Subjekt macht sich selbst zu einem reinen Geist, zum Alleinherrscher in einer solipsistischen und gläsernen Welt, er legt das in Schutt und Asche, was der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty pointiert als «das Fleisch der Welt» bezeichnete. Die vorgegebene Welt, zunichte gemacht, verwandelt sich in eine symbolische Ordnung, das leibliche Subjekt wird zur leib- und leblosen Spukgestalt, zum Gespenst eines toten Menschen und einer untergegangenen Welt.
Małgorzata Szczęśniak hat für all diese Verlorenen in der Bastille-Oper einen typischen, bühnenfüllenden Małgorzata-Szczęśniak-Raum gebaut – eine von schweren Eisengittern gesäumte Irrenanstalt mit Salon vorne, Gemeinschaftssaal hinten, Spaziermeile rechts. Die Einrichtung ist spärlich: ein ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 14
von Jürgen Otten
VORSCHAU
Intensität
Seine Anfänge liegen im Männergesangsverein Neu-Listernohl (Westfalen). Seit Jahren aber sind die großen Bühnen der Musiktheaterwelt sein Zuhause. Dort reüssierte Georg Zeppenfeld zunächst mit Mozart und Verdi, bevor er zu einem der wichtigsten Wagner-Bässe unserer Zeit wurde. Ein Interview
Innovation
Sie ist eine Grenzgängerin, eine...
Wie gefährlich es sein kann, sich in Form einer Biografie einem lebenden Komponisten anzunähern, der selbst mit unzähligen Schriften sein Œuvre sowie die ihm zugrundeliegenden ästhetischen Imperative wort- und gedankenreich zu «erklären» wusste, hat zuletzt der Fall Wolfgang Rihm gezeigt. Beide Versuche, ihm und seinem Schaffen gerecht zu werden, scheiterten, so...
Von allen angestarrten Frauen ist Lulu vermutlich die (um einen in dieser Art modisch geläufigen, wenngleich sprachlich unkorrekten Superlativ zu verwenden) «angestarrteste». Man starrt ja selbsthin. Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer war in einer Wedekind-Sprechtheater-Aufführung in Frankfurt am Main vor 13 Jahren über eine nicht unbeträchtliche Strecke des...
