Die Straße, die noch keiner ging zurück

Christian Gerhaher und Gerold Huber zeigen mit ihrer exemplarischen «Winterreise»-Deutung, wie fragil die Chronologie von Schuberts Lied-Zyklus ist

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Die Freunde waren irritiert, wenn nicht schockiert, ja, sprachlos. Was Franz Schubert ihnen da mit seinem Zyklus «schauerlicher Lieder» präsentiert hatte, ging über das Fassungsvermögen der versammelten Gemeinde hinaus. Zwar wusste man um die tiefgreifende Melancholie des Meisters, aber das hier sprengte alle bisherigen Grenzen. So finster, so abgründig-nihilistisch hatte zuvor kein Werk Schuberts geklungen. Es war so, als hätte der Sensenmann selbst die Feder geführt und wartete nur noch darauf, den Schöpfer dieser Musik in seine Arme zu schließen.

Der Schrecken ist geblieben, Aufführungen der «Winterreise» umweht auch heute, knapp 200 Jahre später, immer noch die «Aura» des Vergeblichen, Desillusionierten. Das ist auch in der Bayerischen Staatsoper, wo Christian Gerhaher und Gerold Huber die 24 Lieder im Rahmen ihres «Herbst-und Winterreisen»-Projekts interpretieren (und das, wie nicht anders zu erwarten, beinahe unvergleichlich glanzvoll), kaum anders. Und dennoch gibt es eine Differenz: Gerhaher und Huber haben die Reihenfolge umgestellt und damit die Tektonik des Zyklus verändert. Auf der Bühne des Nationaltheaters erklingt nicht die Vertonung der endgültigen Gedichtsammlung ...

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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 100
von Jürgen Otten

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