Die Straße, die noch keiner ging zurück
Die Freunde waren irritiert, wenn nicht schockiert, ja, sprachlos. Was Franz Schubert ihnen da mit seinem Zyklus «schauerlicher Lieder» präsentiert hatte, ging über das Fassungsvermögen der versammelten Gemeinde hinaus. Zwar wusste man um die tiefgreifende Melancholie des Meisters, aber das hier sprengte alle bisherigen Grenzen. So finster, so abgründig-nihilistisch hatte zuvor kein Werk Schuberts geklungen. Es war so, als hätte der Sensenmann selbst die Feder geführt und wartete nur noch darauf, den Schöpfer dieser Musik in seine Arme zu schließen.
Der Schrecken ist geblieben, Aufführungen der «Winterreise» umweht auch heute, knapp 200 Jahre später, immer noch die «Aura» des Vergeblichen, Desillusionierten. Das ist auch in der Bayerischen Staatsoper, wo Christian Gerhaher und Gerold Huber die 24 Lieder im Rahmen ihres «Herbst-und Winterreisen»-Projekts interpretieren (und das, wie nicht anders zu erwarten, beinahe unvergleichlich glanzvoll), kaum anders. Und dennoch gibt es eine Differenz: Gerhaher und Huber haben die Reihenfolge umgestellt und damit die Tektonik des Zyklus verändert. Auf der Bühne des Nationaltheaters erklingt nicht die Vertonung der endgültigen Gedichtsammlung ...
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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 100
von Jürgen Otten
Der Saimaa-Ringelrobbe ist Oper rundweg egal. Jedenfalls hat man es noch nicht gesehen, dass dieses seltene Tier während einer Vorstellung erlesenster Stimmen in der nahen Olavsburg den Kopf lauschend aus dem Wasser gereckt hätte, und das, obwohl die mittelalterliche Festung mitten im Saimaa-See liegt, ihrer Heimat. Alle anderen aber kommen von weither, um...
Gott war schon mal zu Besuch in Berlin-Mitte. Ist lange her, wohl mehr als ein Vierteljahrhundert, aber unvergessen. Problematisch wurde es durch einen anderen störrischen Gast: Friedrich Nietzsche, einer seiner wichtigsten Kontrahenten, weilte ebenfalls in der Stadt. Und so kam es, wie es kommen musste. Die beiden prallten aufeinander wie zwei Protonen, und sie...
Unter den Heroen der französischen Barockmusik ist Marc-Antoine Charpentier hierzulande nach wie vor der Unbekannteste. Selbst wenn er nicht durch Ausbildung wie innere Berufung zum Kirchenmeister bestimmt gewesen wäre, hätte es für ihn keine andere Möglichkeit gegeben, großformatige Werke zu verfassen – Jean-Baptiste Lully, der elf Jahre ältere Erfinder der...
