Die Lust, frei zu sein
Das macht ihr keine nach. Zum vierten Mal nach 2004, 2010 und 2015 ist Marlis Petersen zur «Sängerin des Jahres» gekürt worden, diesmal für ihre unter die Haut gehenden Lesarten von Korngolds Marietta (und Marie) in München sowie für ihre Salome am Theater an der Wien. In beiden Fällen hat die Sopranistin Rollenporträts geschaffen, die durch ihre Vielschichtigkeit, aber mehr noch durch ihre gleichsam existenzielle Wucht betören, kurz: durch eine Authentizität, die den Zuschauer beinahe vergessen lässt, dass es sich hier um künstliche Bühnenfiguren handelt.
Jenes Höchstmaß an emotionaler Überwältigung, das Marlis Petersen zu erzeugen vermag, zeichnet auch den Countertenor von Jakub Józef Orliński aus. Außergewöhnlich erhaben und schön auf der einen Seite, zugleich von innen glühend ist diese Stimme, das Ergebnis eine Eindringlichkeit des Ausdrucks, der man sich nicht entziehen kann und die zu der Vermutung führt, es handle sich hierbei womöglich um einen Verwandten des Luftgottes Ailos. Zu erleben war dies vor allem in Händels «Tolomeo» in Karlsruhe, wo der «Sänger des Jahres» die Titelpartie mit höchster Intensität gestaltete, und Oper wieder einmal als das erschien, was sie ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 10
von Jürgen Otten
Erfahrungsraum Oper» lautet der Titel jenes unbedingt lesenswerten Buchs, das vor fünf Jahren im Verlag Metzler/Bärenreiter erschien und Essays, Aufsätze und Künstlerporträts des Dramaturgen, Publizisten und «Opernwelt»-Autoren Uwe Schweikert versammelt. Der Begriff des «Erfahrungsraums» ist klug gewählt. Einmal beschreibt er die disparate Vielheit der...
Sie ist die vielleicht überwältigendste Mozart-Heroine unserer Zeit. Schrankenlos, schlackenlos, mit einem Furor in Stimme und Ausdruck, der alles hinwegpustet, was sich dieser machtvollen und unbedingten Seelenentäußerung in den Weg stellt. Sei es als Vitellia in «La clemenza di Tito» am Theater an der Wien (Foto), sei es als von Furien gejagte Elettra in...
In meiner Laufbahn als Dramaturg, Operndirektor und Intendant habe ich die ganze Spannweite möglicher Reaktionen auf Kritiken durchlebt: Manchmal war ich wütend und enttäuscht, wenn eine Regie, ein Dirigat oder eine sängerische Leistung meiner Ansicht nach ungerecht behandelt und mit einer oberflächlichen, wenn nicht gar kränkenden Bemerkung abgefertigt wurde....
