Die im Dunkeln sieht man nicht

Verdi: Otello am Staatstheater Mainz

Opernwelt - Logo

Neben der nicht mehr zu diskutierenden Ex-Routine des Blackfacings beinhaltet Verdis «Otello» einen Mordfall, dem die Wendung «Verbrechen aus Leidenschaft» noch immer etwas Beschwichtigendes mitgeben kann. Der Begriff «Femizid» hingegen stellt einen anderen Zusammenhang her: Der Titelheld wird zu einem gewalttätigen Mann unter zahllosen anderen gewalttätigen Männern. Jeder hat seine Geschichte, jede dieser Geschichten läuft darauf hinaus, dass am Ende eine Frau getötet wird.

Hier schaltet sich am Staatstheater Mainz die südafrikanische Regisseurin Victoria Stevens in die Handlung: Wenn es für Otello und Desdemona jemals eine glückliche Liebe gegeben haben sollte, so muss das weit zurückliegen. Zum Liebesduett zwischen Tür und Angel umklammert Desdemona bereits einen Koffer und bekommt dann doch nicht den Absprung. Man posiert noch Seite an Seite für öffentliche Auftritte (auch mit den gemeinsamen Kindern), ansonsten ist alles Kälte und Distanz. Auf Videos sind eine junge Schwarze und Kindersoldaten zu sehen. Auf der Bühne spiegelt sich das lediglich in der Präsenz von Handfeuerwaffen und dann durch diese Schlusswendung: Nachdem Otello Desdemona getötet hat (in einem B-Gangsterfilm ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Judith von Sternburg

Weitere Beiträge
Glaube, Liebe, Hoffnung

Fünf Grad, Regen, Wind: Wir wissen nicht, wie viele Demonstranten sich bei anderem Wetter eingefunden hätten. So bleibt es bei einem halben Dutzend in der Hofstallgasse, das der vorbeihastenden Gala-Gemeinde ein «Netrebko, no stage!» entgegenruft. Vielleicht ist es auch ein Symptom. Auftritte der Diva sind, zumindest im südlicheren Europa, inzwischen fast...

Grün ist die Hoffnung

Vor acht Jahren ging die erste Ausgabe des Opera Forward Festivals in Amsterdam an den Start. Die Welt war noch eine andere, damals sorgte man sich «nur» um einen Rechtsruck in der Politik und wählte für dieses Format bewusst einen Titel, der abgekürzt «OFF» lautet – Verweis auf die freie Szene, die man so ermuntern und einbeziehen wollte. Das ans Amsterdamer...

Tragödien der Grausamkeit

Vor 40 Jahren war die französische Barockoper selbst in ihrer Heimat kaum mehr als ein Gerücht. Inzwischen bietet sie dem interessierten Hörer ein fast unerschöpfliches Füllhorn dar. Wer einmal ihrem unvergleichlichen Zauber erlegen ist, wird zum Nimmersatt – nicht zuletzt, weil französische Künstlerinnen und Künstler mit ihren Ensembles die einst führenden...