Die im Dunkeln sieht man nicht

Verdi: Otello am Staatstheater Mainz

Opernwelt - Logo

Neben der nicht mehr zu diskutierenden Ex-Routine des Blackfacings beinhaltet Verdis «Otello» einen Mordfall, dem die Wendung «Verbrechen aus Leidenschaft» noch immer etwas Beschwichtigendes mitgeben kann. Der Begriff «Femizid» hingegen stellt einen anderen Zusammenhang her: Der Titelheld wird zu einem gewalttätigen Mann unter zahllosen anderen gewalttätigen Männern. Jeder hat seine Geschichte, jede dieser Geschichten läuft darauf hinaus, dass am Ende eine Frau getötet wird.

Hier schaltet sich am Staatstheater Mainz die südafrikanische Regisseurin Victoria Stevens in die Handlung: Wenn es für Otello und Desdemona jemals eine glückliche Liebe gegeben haben sollte, so muss das weit zurückliegen. Zum Liebesduett zwischen Tür und Angel umklammert Desdemona bereits einen Koffer und bekommt dann doch nicht den Absprung. Man posiert noch Seite an Seite für öffentliche Auftritte (auch mit den gemeinsamen Kindern), ansonsten ist alles Kälte und Distanz. Auf Videos sind eine junge Schwarze und Kindersoldaten zu sehen. Auf der Bühne spiegelt sich das lediglich in der Präsenz von Handfeuerwaffen und dann durch diese Schlusswendung: Nachdem Otello Desdemona getötet hat (in einem B-Gangsterfilm ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Judith von Sternburg

Weitere Beiträge
Sozialkritik?

Richard Wagners Diktum, er sei der Welt noch einen «Tannhäuser» schuldig, lässt sich in gewissem Sinne auch auf Giuseppe Verdis «Don Carlos» übertragen. Nur zum Teil befriedigende Versionen des Stücks gibt es etliche. Regisseur Michael von zur Mühlen, Autor Thomas Köck und Dirigent André de Ridder reihen sich mit ihrer «Freiburger Fassung» nun darin ein. Ihre...

Königsoper

Lully und sein Librettist Philippe Quinault haben die Tragédie en musique 1673 erfunden, um der klas -sischen Tragödie ihrer Zeitgenossen Corneille und Racine ein gesungenes Drama zur Seite zu stellen. 14 Werke dieser Gattung entstanden bis zu Lullys frühem Tod 1687. Keine war radikaler als «Atys», die den Titel «Königsoper» trägt, weil sie die besondere...

Revue des traurigen Irrsinns

Wolfgang Rihms Musiktheater «Die Hamletmaschine», 1987 in Mannheim uraufgeführt, hat immer Respekt erfahren, aber dazwischen verging jedes Mal sehr viel Zeit. Geradezu enigmatisch ist Heiner Müllers Textvorlage, immens der Aufwand. Nur wer zu beidem bereit ist – großen Aufwand für unlösbare Rätsel zu betreiben –, hat etwas davon. Zum Beispiel das Staatstheater...