Die Hölle, sie ist immer schon da
Am Ende bleibt der übrig, den man sonst gern übersieht: In Tatjana Gürbacas furioser Antwerpener Neudeutung des «Holländer»-Stoffes rappelt sich nach dem irrwitzigen finalen Höllentrubel im zuckenden Stroboskop-Licht nur Erik wieder auf, um stolpernd und schwankend dem Schlachtfeld zu entkommen, auf das alle anderen wie entseelt niedergesunken sind.
Gelingt ausgerechnet ihm der Neuanfang nach dem Desaster, findet er den Ausweg aus der Hölle? Ist er der einzige Überlebende des Weltuntergangs?
Gürbacas zweite «Holländer»-Inszenierung lässt diese letzten Fragen bewusst im Raum stehen. In den gut 180 atemlosen Minuten zuvor gelingt es ihr, eine Logik der Apokalypse zu erzeugen, wie man sie zwingender selten sah. Dieser Sog reißt alle mit: den sich großbürgerlich gerierenden Kleinbürger Daland ebenso wie dessen heruntergekommene, geldgeile Meute samt ihrer berechnenden Frauen; ja selbst die schwärmerische, totverliebte Senta. Erik aber, der für gewöhnlich eher langweilt mit seinem Gegreine nach Senta und stillem Eheglück, findet heraus aus dem Dilemma. Triumph des wohltemperierten, einigermaßen charakterfesten Bürgers? Möglich. Auf jeden Fall irritierend.
Bei ihrem ersten «Holländer» ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Regine Müller
Die Kaiserin hat sie dieses Mal nicht getroffen. Vier Jahre ist es her, dass Edita Gruberova in Tokio den erschrockenen Taxifahrer aufforderte, sie zum Palast zu bringen. Ihre Hoheit hatte zum Privatissimum gebeten, um selbst am Klavier einige Lieder zu begleiten. Zwei Regentinnen unter sich, musizierend, dann beim Tee, gern wäre man bei diesem Gipfeltreffen dabei...
In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut...
Herr Gardiner, von Ihrem Kollegen Nikolaus Harnoncourt stammt der Satz: «Bei ‹historisch informiert› wird mir schlecht!» Wie sehen Sie das?
Ganz ähnlich. Harnoncourt war ein großartiger Mensch und ein großer Pionier. Es gibt für das, was wir tun, keinen Titel, den ich wirklich passend finde. Ich habe mich nie als Spezialisten verstanden. Aber schwerer zu ertragen...
