Individualität unerwünscht
In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut gut daran! Denn in diesem modernen Überwachungsstaat spielt der Einzelne keine Rolle mehr.
Wie Arbeitsbienen werden die Menschen in wabenähnlichen Gebilden gehalten, bewacht von grau gekleideten Wesen, die offenbar mit Elektroschockern für «Ordnung» sorgen. Individualität ist hier ganz und gar nicht erwünscht, sie wird hinter Sonnenbrillen, unter Kapuzen und in schwarzen Einheits-Overalls versteckt. Nur ab und zu spuckt die Menge einen der Ihren förmlich aus, um ihn anschließend ins Blutbad zu zwingen – dann nämlich, wenn Turandot wieder einmal einen Bewerber, der ihre drei Rätsel nicht lösen konnte, von einer Art riesigen Schiffsschraube zermalmen lässt.
Nicht alles in dieser bildstarken Inszenierung von Balázs Kovalik (Bühne: Heike Scheele) ist bis ins Detail nachvollziehbar. Die Konsequenz aber, mit der Kovalik den ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Bettina Volksdorf
JUBILARE
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