Die Hähne haben Husten
Was ist das doch für ein wunderlicher, wahrer, weltumspannender Satz: «Fremd bin ich eingezogen, / fremd zieh’ ich wieder aus.» In wenigen Worten beschreibt der Dichter Wilhelm Müller eines der zentralen Dilemmata aller Zeiten – die Unbehaustheit des Menschen (im Äußeren wie im Inneren), seine Angst vor dem Verlust der Heimat, an Zuneigung, an Liebe, kurzum: dem Verlust der Essenz.
Franz Schubert hat dies im Vorspiel zum ersten Lied seiner «Winterreise» kongenial verklanglicht, mit jener absteigenden Linie, die dem imaginären Wanderer offenbart, wohin sein Weg vermutlich führen wird. Nur wie klingt das so seltsam, wenn es von einem Englischhorn gespielt wird, das nicht den Hauch von Tristans Leid an Cornwalls Küste zu entfachen vermag, so quengelnd-quäkend, so biedermeierlich verspannt.
Nein, man wird nicht warm mit diesem Klang. Auch in der Folge nicht. Und das liegt weniger an der Kunst des Arrangeurs (und Englischhornisten) Eduard Wesly, der den Pianoforte-Part der «Winterreise» seinem Instrument sowie einem Streichtrio aus Violine, Viola und Violoncello «überschrieben» hat (welches in Gänze unter dem Namen «Grundmann-Quartett» firmiert), als vielmehr in der Tatsache begründet, ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 32
von Jan Verheyen
Sie sind einander nahe. Sehr nahe: der Tod und das Mädchen. Nur wenige Zentimeter trennen sie, ein winziger synaptischer (Licht-)Spalt, und würde es mit rechten Dingen zugehen, wäre das Spiel, kaum ist die Stille nach den Schüssen eingetreten, vorbei und würde der Tod das Mädchen in seine Arme schließen. Doch kaum hat sich jene Falltür geöffnet, unter der Manuel...
Wurzeln überall, auch von oben hängen sie herunter, wir befinden uns mutmaßlich in einer subrealen Unterwelt. Vorne fließt, vom Parkett nur zu ahnen, ein Fluss vorbei, und als schließlich Mélisande, drapiert wie für eine kolorierte Kunstpostkarte, ihr fragiles Leben ausgehaucht hat, wird es gewiss: Es ist Styx, oder Lethe, denn Mélisandes Lebenslicht wird vom Arzt,...
Seit seiner grandiosen Gesamteinspielung des Lied-Œuvres von Gabriel Fauré gehört der Tenor Cyrille Dubois zu den Top-Interpreten der französischen Liedkunst; zuletzt überraschte der Tenor mit einer gleichermaßen verstörenden wie bezwingenden Aufnahme von Schuberts «Winterreise». Auf seiner jüngsten CD kehrt Dubois zum vertrauteren Repertoire des französischen...
