Die Dämonen in ihm

Immo Karaman deutet Verdis «Otello» an der Staatsoper Hannover als Stück über einen traumatisierten Antihelden, Stephan Zilias taucht tief in die Abgründe der Partitur ein

Opernwelt - Logo

Ein Sturm fegt durchs altehrwürdige Opernhaus von Hannover. Doch nicht einem Shakespeare’schen Naturereignis von Prosperos und Ariels Gnaden gleicht die Ouvertüre von Verdis «Otello». Es ist der (von Philipp Contag-Ladas auf die Rückwand projizierten Bildern noch zusätzlich aufgeladene) Lärm des Kriegs, der sich hier Bahn bricht. Gewitterblitze zucken, Mündungsfeuer blitzt auf, Nebelkerzen schießen hoch, in der «Taverne» herrscht das totale Chaos.

Menschen rennen blindlings über die Bühne, bewaffnete Soldaten richten ihre Gewehre ins Nichts, und auch im Graben, wo GMD Stephan Zilias mit dem Niedersächsischen Staatsorchester einen wahren Furor der Dissonanzen entfacht, der sich um wohltönende Balance nicht einen Takt lang schert, scheint das (instrumentale) Fegefeuer ausgebrochen zu sein. Klänge «klingen» nicht mehr, sie sind gesprengt, zerfetzt, ausgehöhlt, zugespitzt, bohren sich wie Pfähle ins Fleisch der Welt. Man geht kaum zu weit, wenn man sich so in etwa die Hölle vorstellt.

Inmitten des Tumults ein Mann, der vor Beginn der Oper schon nervös hin- und her tigerte, so als würde er von den Furien verfolgt. Doch nicht Orestes ist es. Sondern Otello. Der General, der längst kein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Beziehungszauber

Über Jesus Christus und Richard Wagner, heißt es, seien so viele Texte geschrieben worden wie sonst über keine anderen historischen Figuren. Ob das stimmt, bleibe dahingestellt. Aber als Religionsstifter eigener Art hat Wagner jedenfalls durchaus fungiert. Entsprechend polarisierend war die Rezeption zwischen Verklärung und Verteufelung von der Mitte des...

Mit Schirm, Charme und Pfeffer

Die «Années folles», die Roaring Twenties nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bescherten mit ihrer Invasion des Jazz und der amerikanischen Motorik auch der französischen Operette eine letzte Blüte. Selbst für den graziös-eleganten Stil der älteren Meister wie Reynaldo Hahn oder André Messager, dessen comédie musicale «Passionnément» aus dem Jahr 1927 soeben in der...

Großartiges Leben im Falschen

Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch...