Dichter lieben
Seltsam, dieser Beginn. Vertraut man leichtgläubig und naiv auf die drei vorgezeichneten Kreuze und liest man den Text, käme als Tonart eigentlich nur A-Dur in Frage – und ein optimistischer Gestus. «Im wunderschönen Monat Mai», das klingt nach ungehemmter, frühlingshafter Vorfreude. Doch schon die Spiel- und Singanweisung «Langsam, zart» deutet vorsichtig an, dass dem vielleicht gar nicht so ist.
Und ebenso zögerlich schwebt die Musik noch vor Heinrich Heines ersten Versen auf einem h-Moll-Sextakkord in den imaginären Raum, bleibt auch in der Folge vage, vorsichtig, mag anscheinend den Sonnenstrahlen nicht vertrauen. Erst beim Wort «Mai» erreicht das Lied die Tonika, verliert sich aber sogleich wieder in mollgetönten Zweifeln, bleibt selbst dort unsicher, wo der Dichter «alle Knospen sprangen» sieht. Vage, ungefähre Welt.
Um die einzigartige Lied-Kunst Christian Gerhahers und seines kongenialen Klavierpartners Gerold Huber zu begreifen, genügt im Grunde schon dieses eine Lied (beide verwenden natürlich die Bariton-Transposition in G-Dur). Gerhaher folgt – auf Hubers samtig-seidenem Klangteppich – Robert Schumann in jedem Ton mit einer Nachdenklichkeit und interpretatorischen ...
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Opernwelt Jahrbuch 2022
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 62
von Jürgen Otten
Schon der Anfang: die reine Musik. Musik als Theater, Theatermusik. Dazu ein Schauspiel von erhabener Größe, unvergleichlich grandios übersetzt von Hans Wollschläger, man lässt sich diese Sätze immer wieder gerne auf der Zunge zergehen: «Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein...
Der Beginn war wenig ermutigend. Die 1870 vollendete, heroische Oper «Alfred» erlebte ihre Uraufführung 1938 in Prag und wurde dann erst wieder 2014, und auch nur konzertant, gegeben. Dabei ist Theodor Körners deutsches Libretto so übel nicht, schon Flotow und Raff hatten es vertont. Auch an melodischer Erfindungsgabe, packenden Szenen und origineller...
Es ist nur ein Gedankenspiel. Aber eines, mit dem schon Immanuel Kant liebäugelte, als er die These aufstellte, dass wir die Welt, wie sie an sich ist, im Grunde gar nicht erkennen können, und dass jedes Erkannte, unabhängig davon, was wir erkennen, immer auch irgendwie von Menschen gemacht sei. Kants Theorem animierte weit mehr als 200 Jahre später den Philosophen...
