Der Mob als Subjekt

Tschaikowsky: Eugen Onegin
Stockholm | Kungliga Operan

Opernwelt - Logo

Wer hat Lenski auf dem Gewissen? Eigentlich eine Frage, die man gar nicht stellen muss. Sowohl aus der Puschkin-Vorlage als auch aus Tschaikowskys Oper geht schließlich klar hervor, dass Onegin ihn getötet hat. Warum aber fordert Lenski seinen besten Freund überhaupt zum Duell? Sicher nicht, weil er ernsthaft befürchtet, Onegin könnte ihm die Verlobte ausspannen. Eher, weil der Flirt auf der Tanzfläche vor aller Augen seinen gesellschaftlichen Stand untergräbt. Ihn und Olga Tratsch und Skandalgeflüster aussetzt. Eine unbefangen ehrbare Zukunft von vornherein unmöglich macht.

So weit, so gut. Doch von hier bis zu der Behauptung, dass die Menge Lenskis Tod direkt zu verantworten hat, ist es ein langer Weg. In der Inszenierung, die Vasily Barkhatov erst für Sankt Petersburg und Vilnius versehen, dann für Stockholm und Wiesbaden noch einmal eingerichtet hat, liefert die Idee den Schlüssel zum gesamten Drama. Das eigentliche Duell kommt gar nicht zustande. Auf den Klippen über dem Fischerdorf, wo die verarmte Larina und ihre Familie gezwungenermaßen residieren, versammelt sich in der Morgendämmerung der schaulustige Mob – so versessen sind die Leute auf das Spektakel, dass Lenski im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Guy Dammann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sinnenfällige Pracht

Im Handbuch «Komponieren für Stimme» zitiert Arne Stollberg in seinem Aufsatz «Exzesse des Schwelgens» einen Essay Paul Bekkers: «Klang und Eros». Er spricht darin von dem eigentümlichen Zauber, der von einer aus der Ferne erklingenden Frauenstimme ausgehe – vom musikalischen Eros, den kein Instrument zu imitieren vermöge. Diese Erfahrung machte ich (wenn die...

Zeitlos abstrakt

Als Charlotte im «Werther» an der Wiener Staatsoper erinnerte Elīna Garanča vor einigen Jahren an Grace Kelly in «High Society». Und auch nun, in Camille Saint-Saëns’ «Samson et Dalila», mag man schon beim ersten Auftritt der lettischen Mezzosopranistin an die amerikanische Filmaktrice denken. Was die Garanča selbst vermutlich nicht überraschen würde – begegnet...

Schiere Überwältigung

Der Birgit-Nilsson-Preis ist der am höchsten dotierte Musikpreis der Welt. Man kann leicht überschlagen, wie groß das Vermögen sein muss, das die schwedische Diva in eine nach ihr benannte Stiftung eingebracht hat, wenn das Preisgeld eine Million Dollar beträgt und auch in Zeiten geringer Erträge alle zwei, drei Jahre ausgeschüttet werden kann. Von den Nebenkosten...