Der betörende Glanz der Dummheit
Es gibt ein berühmtes Foto von Igor Strawinsky: der Meister mit auf die Stirn geschobener Brille, die Welt mit großen Augen betrachtend. Genau so verwundert wäre er wahrscheinlich angesichts der Verbotszettel gewesen, die bei den Vorstellungen seines «Rake» im November an den Türen des Theaters an der Wien klebten. Denn dass eine seiner Opern ins Visier des Wiener Jugendschutzgesetzes geraten würde, hätte er sich vermutlich nie träumen lassen.
Und doch untersagte dieses Gesetz allen Jugendlichen unter achtzehn den Zutritt zur Aufführung – ungeachtet der Tatsache, dass längst schon Zehnjährige sich brutale Computerspiele hineinziehen, dass gerade Volljährige harte Pornos via Handy verbreiten. Und dass beim letzten österreichischen Stimmgang zum Nationalrat im September die politischen Rechtsaußen nicht zuletzt dank des Wahlrechts bereits für Sechzehnjährige unerwartete Gewinne erzielten.
«The Rake’s Progress» in Wien also erst ab achtzehn. Ein Schildbürgerstreich. Und warum? Wegen der fast greifbare Verlegenheit absondernden Nackten im Puff der Mother Goose? Nebbich. Zumal dieses Freudenhaus offensichtlich kein Haus der Freude war, Kopulation mechanisch imitiert wurde. Natürlich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Seit John Berry die künstlerische Leitung der English National Opera übernahm, scheint sich das Haus zu konsolidieren – nach vielen personellen Wechseln in der Verwaltung und einer langen Phase der Verunsicherung. Die finanzielle Situation ist so stabil wie lange nicht mehr und das Programm der Spielzeit 2008/09 zweifellos interessant (zwei Premieren stehen noch...
La femme plus fatale – nur mit einem solchen Superlativ kann man das packende Lulu-Porträt beschreiben, das Marlis Petersen in einer Neuproduktion an der Chicago Lyric Opera zeichnete. Oder anders ausgedrückt: Im Vergleich zu Petersens Lulu kommen einem die singenden Sirenen von Carmen bis Salome nur mehr wie harmlose Sexkätzchen vor. Als sei ihr Bergs von...
Katharina Wagners «Meistersinger»-Inszenierung ist zweifellos das, was man einen Wurf nennt: frisch, frei, ironisch, ehrlich, der Komplexität des Stückes in jedem Moment gewachsen. Sie entdeckt viel Düsteres und Böses, wo üblicherweise die Jubelparade dominiert. Sie ist offen in den Ideen, aber geschlossen in der theatralen Umsetzung. Sie spielt mit...
