Der andere Martinů
Anstößig sei alles wahrhaft Produktive, schrieb Friedrich Nietzsche in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Er bezog es auf einen «allgemein ansprechenden Ton» mancher Schriftsteller, dem eben dieses Anstößige fehle. Ob auch Bohuslav Martinů (1890-1959) etwas Unangepasstes meinte, als er angab, er habe seine «Lieder geschrieben, wenn er nicht komponierte»? Vielleicht ist’s ein gewagter Gedankensprung, doch mag er in der «internationalen» Sprache seiner Musik ein «allgemein Ansprechendes» gesehen haben, das er in den Liedern unterminieren wollte.
In seiner Autobiografie von 1945, in der er über sich in der dritten Person spricht wie über einen guten alten Freund, verkündet er jedenfalls, dass er sich von einer universellen Haltung verabschiedet habe, «um eng an das tschechische Volksempfinden heranzurücken». František Sušils Sammlung mährischer Volkslieder führte er auf Reisen stets mit sich, auf Texte daraus komponierte er die im vorliegenden Album enthaltenen «Písničky na jednu stránku» («Lieder auf einer Seite», 1943), «Písničky na dvě stránky» («Lieder auf zwei Seiten», 1944) sowie «Nový špalíček» (etwa als «Neues Geschichtenbüchlein» zu übersetzen, 1942). Es sind allesamt ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: CD des Monats, Seite 25
von Gerhard Persché
Die Götter sind unter uns. Wie der Actionheld eines Blockbusters wirft Herkules die Gestalten der Unterwelt von ihren langen Stelzenarmen und -beinen, auf denen sie in der Bayerischen Staatsoper in spindeldürrer Schwärze einherschreiten. Erst danach führt Apoll im strahlend weißen Kaftan das Paar wieder zusammen, das er zuvor bis über die Grenze des menschlich...
Eine bunte, mondäne Badegesellschaft bespaßt sich an einem Swimmingpool, während etwas abseits mit zerquältem Gesichtsausdruck eine Männergestalt herumstapft, die in ihrem braunen Cordsamtanzug nicht im Geringsten zu dem kapriziösen Freibadambiente passen will, offensichtlich aber gern bei der Party dabei wäre. In tosender Verzweiflung glaubt sich dieser...
Eine Frau im Brautkleid, gefangen in Erinnerungen, halb träumend, halb delirierend, tigert durch die große Halle ihres verlassenen, kalten, dunklen Schlosses. Stummfilm-Ästhetik. Waffen und Fahnen an den hohen Mauern, ein Kamin, dessen Größe wetteifert mit der Kälte, die er ausstrahlt. Die Frau ist keine Lucia, auch keine Mélisande, überhaupt alles andere als eine...
