Berückender Leerlauf
Das Auge muss sich erst einmal zurechtfinden auf Dorota Karolczaks üppig möblierter Bühne im noch schummrigen Licht der Ouvertüre von «Rodrigo», der diesjährigen Neuproduktion der Göttinger Händel-Festspiele. Denn der einst elegante Salon mit Hinterzimmern ist arg heruntergekommen.
Der Putz bröckelt, großflächig breitet sich Schimmel aus, Löcher in der Decke und heraushängende Kabel bieten pittoresken Trash; in der Mitte vorn thront eine verwohnte Sitzlandschaft nebst Bar-Wagen, im Hintergrund bewegt sich jemand an einem Flügel halbwegs synchron zu den knackig zugespitzten Rhythmen des Vorspiels. Das dauert außergewöhnlich lange und ist vielfach unterteilt in schnelle und langsame Sätze, die sich, wie eine Suite, selbst zu genügen scheinen.
Die Handlung nimmt die historische Figur Roderichs, des letzten Königs der Westgoten, zum Anlass für barockoperntypisch verzwickte Konstellationen. Der Titelheld (Sopran!) ist bei Händel ein sprunghafter Egomane, der in kinderloser Ehe mit Esilena (Sopran) lebt und eine gewisse Florinda (Sopran) geschwängert hat. Beide Damen interessieren Rodrigo aber nicht sonderlich. Ferner gibt es noch den König Evanco von Aragon (Countertenor), den der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Regine Müller
Unter dem Datum 1. Mai 1844 berichtet Heinrich Heine in seinem Paris-Buch «Lutetia» von einer schönen Begebenheit: «Einen ungeheuren Beifall findet Scribes neue Oper ‹Die Sirene›, wozu Auber die Musik geschrieben.» Damals ein Repertoire-Renner, ist das Stück heute nicht einmal mehr dem Titel nach bekannt. Völlig zu Unrecht, wie man jetzt dank der Initiative des...
Rot, rot, immer wieder rot. Warum fällt den Kostümbildnern für starke Frauen immer nur das eine ein? Auch Clémentine Margaine muss im neuen Berliner «Don Quichotte» als Dulcinée natürlich die Hallo-Ich-Bin-Begehrenswert-Signalfarbe tragen. Weil Katrin Wolfermann der schwangeren Sängerin aber ein denkbar spießiges Kleid mit Schleife am Hals verpasst und der...
Der eine hatte die Stars, der andere das Können. Arg verkürzt ist das formuliert, birgt aber zwei, drei Körnchen Wahrheit. Nachdem Nicola Antonio Porpora das London der 1730er-Jahre betreten hatte, sorgte er für einen Spielertransfer und einen Aderlass. Senesino und Farinelli spektakelten fortan in seiner Truppe, Konkurrent Georg Friedrich Händel hatte das...
