Dem Zeitkern auf der Spur
Ein tätiges Leben, verstanden im Sinne von Hannah Arendts Idee einer «vita activa» (so der Herausgeber Günther Heeg), wird besichtigt; in Augenschein genommen von demjenigen, der es durchmessen hat. Zu seinem 85. Geburtstag hat sich Klaus Zehelein, einer der wirkmächtigsten und einflussreichsten bundesdeutschen Dramaturgen, Musiktheatermacher und Kunst-Ermöglicher, das vielleicht schönste Geschenk selbst auf den Gabentisch gelegt – eine Autobiographie mit dem poetisch-vieldeutigen (einem seiner Aufsätze entlehnten) Titel «Unerhörte Augenblicke».
Jossi Wieler, dessen Karriere (wie ebenfalls die seines Co-Regisseurs und Dramaturgen Sergio Morabito) ohne die Unterstützung Zeheleins in dieser Form gewiss kaum denkbar wäre, bezeichnet den ehemaligen Intendanten der Staatsoper Stuttgart (wo man sich traf) im Vorwort als eine «Ikone des Musiktheaters». Was das meint, auch das erläutert Wieler und trifft damit sehr gut das Selbstverständnis seines Förderers: «Klaus hat ein Ethos gelebt, von dem sich alle Mitarbeitenden beseelt und auch gefordert fühlten.» Es war wohl immer beides: Wenn Zehelein eines nie mochte, dann war es irgendeine Form der Bequemlichkeit – im Umgang miteinander, mit ...
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Opernwelt September-Oktober 2025
Rubrik: Magazin, Seite 90
von Jürgen Otten
Angesichts der rassistischen Einwanderungspolitik von Donald Trump hält Regisseur Till Kleine-Möller Bernsteins «West Side Story» von 1957 für brandaktuell. Das Motto «Black Lives Matter» ist jedenfall ganz offensichtlich durch die aus Puerto Rico eingewanderten «Sharks» in schwarzen Lettern auf eine Plastikplane an einem Nachbau des Bethesda-Brunnens im New Yorker...
Etwas ist anders als sonst. Etwas, das sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt, aber in vielen Momenten spürbar wird, mal in einem vertraulichen Gespräch, mal beim Gang in eines der Theater der Stadt, mal in dem Augenblick, wenn sich der Vorhang hebt. Und mal einfach so: Der Chef fehlt. Und damit Hirn, Herz und Seele des Festivals d’Aix-en-Provence. Pierre...
Ein Blick in die Spielpläne genügt, um sicher zu sein: Das Leiden geht weiter. Auch in der gerade angelaufenen Saison betreten jene Frauen, die entweder im (Liebes-) Wahnsinn enden, an Schwindsucht und Auszehrungen anderer Arten sterben oder selbstbestimmt den (heroischen) Freitod wählen, wieder die Bühnen der Welt und versetzen das Publikum in aristotelische...
