Das Ei des Shigeru Ban
Gleich mit dem ersten Konzert in der neuen Residenz hat Laurence Equilbey klargestellt, wohin es ihr kaum fünf Jahre altes Insula Orchestra zieht: zur Musik der «génération Goethe». Und: zu einer multimedialen Aufführungskultur, die das Repertoire zwischen 1750 und 1850 mit Technik des 21. Jahrhunderts zu vermitteln sucht. Während Stanislas de Barbeyrac zur ersten Tenorarie aus «La Finta Giardiniera» anhebt, belebt sich eine Flachbildschirmkulisse, taucht die Lichtregie den 1150-Plätze-Saal in bunte Farben.
Die Wolfsschlucht schimmert blauviolett, «Le Freischütz» erklingt in den von Berlioz übermalten Tönen. Als Solisten, Orchester, Chor (Accentus) und der junge Pianist Bertrand Chamayou die Eröffnung der Seine Musicale mit Beethovens Chorfantasie abschließen, strahlen nicht nur die Gesichter, sondern auch die schwingenden Wände und die gewellte Decke, deren aus orientalisch-filigranen Arabesken bestehender Holzbesatz entscheidend zur warmen Akustik (Yasuhisa Toyota) beiträgt.
Vor nicht einmal drei Jahren war das von der Seine umflossene Gelände südwestlich von Paris noch Brachland. Bis 1992 hatte Renault hier Autos produziert, 2005 wurde das letzte Fabrikgebäude abgerissen. Erst der Entwurf des japanischen Pritzker-Preisträgers Shigeru Ban (und seines Partners Jean de Gastine) fand die Unterstützung des Département Hauts-de-Seine und privater Investoren: ein Ensemble, das neben dem Orchestersaal eine Halle für bis zu 6000 Besucher, Proberäume und Aufnahmestudios beherbergt. Begehbar, begrünt, mit einem gläsernen Ei und mobilen Sonnensegel als Krönung (eines fast 300 Meter langen Betonsockels). Rund 170 Millionen Euro hat der Komplex in Boulogne-Billancourt gekostet. Es ist – nach dem Auditorium von Radio France (2014) und Jean Nouvels Philharmonie (2015) – das dritte neue Musikzentrum im Großraum Paris.
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Albrecht Thiemann
JUBILARE
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