Das Echo der anderen
Als das Ensemble Modern 2018 in Donaueschingen mein «Ballett für Eleven» uraufführte, eine szenische intermediale Komposition für großes Ensemble, Fixed Media, Live-Mapping und Live-Elektronik, begann das Stück damit, dass im Raum verteilte Ensemblemitglieder mit zugeklebten Mündern und Augen und einem Saalplan in der Hand Kontakt mit dem Publikum aufnehmen mussten, um mit dessen Hilfe zur jeweiligen Spielposition zu finden. Dieses szenische Vorspiel war meine Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, ob ich an das Publikum denke, wenn ich komponiere.
Nach der Aufführung bedankte sich eine Frau dafür, dass endlich alte Menschen ins Zentrum einer musikalischen Auseinandersetzung rückten. Jemand anderes «hörte» in den Blinden die große Blindheit der Welt angesichts der Dringlichkeit politischer Kehrtwenden. Ein Dritter musste «ebenfalls» die Augen schließen, um der Musik und ihren Verbindungen folgen zu können. Ich könnte mich sehr missverstanden fühlen, aber ich fühle mich zutiefst verstanden.
Denn wem gehört dieses Stück Musik und Theater, das sich verbinden möchte und im Moment der Uraufführung noch nicht Geworden ist? Wem gehört dieses Werdende, das Albert Dresdner in seiner ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 113
von Brigitta Muntendorf
Seit die Opéra de Lyon 2009 zum ersten Mal Klimabilanz zog, ist das Interesse an ökologischem Wirtschaften in Kulturinstitutionen stetig gewachsen. Ein Haus wie die Göteborgs Operan stellt inzwischen sämtliche Arbeitsbereiche auf den Prüfstand – von der Stromversorgung oder dem Kulissenbau und Kantinenangebot bis zur Reisepraxis und Schwarzlicht-Schminke. Auch am...
Kirill Petrenko
Für ihn gilt, weit mehr als für andere Granden seiner Zunft, ein Satz von Elias Canetti aus dessen Essayband «Masse und Macht»; ein Satz, der allzu gerne unterschlagen wird. «Der Dirigent», heißt es da relativ zu Beginn, «hält sich für den ersten Diener an der Musik. Er ist von ihr so erfüllt, dass ihm der Gedanke an einen zweiten,...
Nichts ist ungeheurer als der Drache – allerdings nur so lange, wie er wütet zwischen den Menschen. Jenes Monstrum jedoch, das Paul Dessau in seiner Oper «Lanzelot» auf ein mal düster-dräuendes, mal sarkastisch schmatzendes Libretto von Heiner Müller besang (dem wiederum die wunderbar traurige Parabel «Der Drache» von Jewgeni Schwarz zugrunde lag), schlief nach...
