Gestaute Zeit
Dunkel soll es klingen, das Eisentor, das sich zu Beginn des vierten Aktes schließt. Verlauf und Zeitwerte dieses Sounds sind genau notiert, bis auf den letzten Akzent einer (sonst stummen) Quintole. Fortschreitend in Tontrauben zwischen dreifachem piano und forte. Dann mischt sich Gemurmel einer Menschenmenge in die rund um das Auditorium des Genter Opernhauses installierten Lautsprecher. Von Wind verweht, von beckensirrendem Gewölk vernebelt. Ein Zug kreuzt die virtuelle Klanglandschaft, ein Vogel flattert auf, rollende Kugeln aus Metall, aus Holz.
Zum ersten Mal während des zweieinhalbstündigen Exerzitiums der gestauten, angehaltenen Zeit, das Chaya Czernowin in «Infinite now», ihrer (nach «Pnima» und «Adama» zu Mozarts «Zaide») dritten, bislang komplexesten Arbeit für das Musiktheater ausformuliert, verschmelzen hier die Sängertrios, die zwei verschiedenen Sphären zugeordnet sind: das eine (Sopran, Alt, Bass) Texten aus dem Stück «Front» (2014), in dem Luk Perceval mit Soldatenbriefen und Auszügen aus Erich Maria Remarques Roman «Im Westen nichts Neues» an das Pandämonium des Ersten Weltkriegs erinnert; das andere (Mezzo, Counter, Bariton) einer hermetisch-surrealen Erzählung ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
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