Chicago: Magisch-matte Traurigkeit

Wagner: Parsifal (Chicago / Lyric Opera)

Opernwelt - Logo

Bei einem Großformat wie «Parsifal» summieren sich künstlerische Entscheidungen zu ansehnlicher Lebenszeit: Was Pierre Boulez 1970 in gut dreieinhalb Stunden verhandelte, dafür ließ sich James Levine 1990 eine geschlagene Stunde mehr Zeit. Von Richard Strauss stammt das Bonmot, der Meister habe «Parsifal» schon sehr langsam komponiert, dazu brauche man nicht durchs Dirigat noch zusätzlich beizutragen.

Zu dieser Sorge besteht bei Sir Andrew Davis allerdings kein Anlass.

Er packt die szenisch unbedeutende Neuproduktion in Chicagos Lyric Opera ohne übertrieben sportliche Ambitionen, aber doch mit dem kraftvollen Rhythmus eines Marathonläufers. Ihm gelingt damit Erstaunliches: ein vergleichsweise agiler Parsifal nämlich, befreit von mystischem Grals-Geraune; befreit vor allem vom Fluch wollüstig zelebrierter Leitmotive. In seiner Konsistenz ist Davis’ Gelassenheit der beeindruckendste Aspekt des Abends: weil sie Motive zu ­einem überzeugenden Band verwebt, in dem diese eine klare Funktion besitzen, aber nicht mehr als Einzelbausteine herausstechen.

Umso schöner, dass er ein Orchester anführt, das nicht nur mithält, sondern offenbar mitdenkt. Anders ist die immer vorausschauende Balance ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Clemens Prokop

Weitere Beiträge
Leonora im Wunderland

Ob Filme unbedingt den Auftritt von Stars brauchten, wurden neulich die Coen-Brüder gefragt. Das sei, antworteten sie, «ein sehr kompliziertes Thema, über das man stundenlang reden könnte». In der Oper ist die Sache so eindeutig wie im Fußball: Stars auf dem Spielfeld, besser: ein Superstar, steigern für viele Menschen den Erlebniswert einer Veranstaltung, sie...

Leichte Muse versus Spektakeloper

Niemals in der Musikgeschichte hatten Triangel-Spieler so viel zu tun wie in der französischen Oper des 19. Jahrhunderts. In den Ouvertüren zu Daniel-François-Esprit Aubers «La Muette de Portici» wie auch zu Georges Bizets «Le Docteur Miracle» ist der Spieler des zweifach gebogenen Metallstäbchens geradezu im Dauereinsatz. Darin erschöpfen sich allerdings auch...

Elektra

Frau Herlitzius, Ihr Operndebüt absolvierten Sie mit 30 Jahren relativ spät. Brauchen große Stimmen länger?

Ja, natürlich. Das Wissen darum scheint allerdings etwas verloren gegangen zu sein ... Es ist ja ein gewaltiger Unterschied, ob Sie eine Vespa fahren oder einen Schwerlaster. Und das Ziel ist, den Schwerlaster genauso flexibel zu lenken wie die Vespa. Es geht...