Requiem für ein Genie
Frauen galten historisch nicht sehr oft als genial (was ja ohnehin ein anderes Wort für hochbegabt und sonderbar ist), aber auch als hochbegabt und sonderbar galten Frauen selten. Lieber nannte man sie überspannt und anstrengend, zum Beispiel. In Opernlibretti sind Frauen fast ausnahmslos Liebende und Leidende; die Leidenschaften gehen mit ihnen durch. Wenn sie berechnend sind, sind sie es aus Verruchtheit, nicht weil sie sich für Mathematik interessieren. Im Grunde fällt das aber erst auf, wenn einem einmal eine Intellektuelle auf der Musiktheaterbühne begegnet.
Die französische Mathematikerin und Philosophin Émilie du Châtelet (1706–1749) bekam durch ihren liberalen Vater den Zugang zu höherer Bildung, sie lernte alte und neue Sprachen, Spinett und Tanzen, genoss jedoch auch Unterricht in Naturwissenschaften und Philosophie. Das traf auf fruchtbaren Boden. Die 18-Jährige heiratete gleichwohl gehorsam und standesgemäß – was von Vernunft zeugte, war sie fortan doch gesellschaftlich und wirtschaftlich abgesichert. Auf dem Anwesen ihres Mannes im beschaulichen Semur-en-Auxois gebar sie drei Kinder und verlegte ihren Wohnsitz dann ohne ihn zurück nach Paris. Sie hatte kleinere und ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Judith von Sternburg
Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts....
Opern, in denen eine Autohupe und eine Sirene als Instrumente zum Einsatz kommen, haben höchsten Seltenheitswert. Kirchenglocken als Übernahme eines akustischen Alltagsphänomens in die Sphäre der Kunstmusik waren zur Uraufführung von «Il trittico» anno 1918 an der New Yorker Metropolitan Opera allerdings schon etabliert: In Mascagnis «Cavalleria rusticana» sind sie...
Er ist einer, der die Welt der Kunstmusik gern auf den Kopf stellt. Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas tut das immer wieder – immer wieder überraschend und immer wieder fruchtbar. Als im Jahre 2000 die FPÖ in die Regierung des ÖVP-Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel eintrat, komponierte er das mittlerweile legendäre Ensemblestück «In vain», das über...
