Brennend gegenwärtig
Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt, lässt dann noch eine andere Perspektive zu. Dirk Schmeding hat sie in seiner jetzt für Osnabrück entstandenen, jenseits von Aktualisierung oder Historisierung brennend gegenwärtigen Inszenierung freigelegt.
Er erzählt die Geschichte Didos, einer Frau mit traumatischen Erfahrungen, die ihren Mann durch Mord, ihre phönizische Heimat durch Vertreibung verloren und in Karthago ein neues Reich begründet hat, ganz aus deren eigener Perspektive. Alle Figuren, mit Ausnahme von Aeneas, sind Abspaltungen oder Projektionen Didos. Und alle sind sie gleich, in weiße Rockmäntel gekleidet – schwarz dagegen die Hexen, in Schmedings Psychogramm der selbstzerstörerische Anteil ihres Ichs. Wie der aus Troja geflüchtete, in Purcells Version der antiken Sage episodenhaft an den Rand gedrängte Aeneas, besitzt auch Dido eine große Sehnsucht. ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
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