Brennend gegenwärtig
Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt, lässt dann noch eine andere Perspektive zu. Dirk Schmeding hat sie in seiner jetzt für Osnabrück entstandenen, jenseits von Aktualisierung oder Historisierung brennend gegenwärtigen Inszenierung freigelegt.
Er erzählt die Geschichte Didos, einer Frau mit traumatischen Erfahrungen, die ihren Mann durch Mord, ihre phönizische Heimat durch Vertreibung verloren und in Karthago ein neues Reich begründet hat, ganz aus deren eigener Perspektive. Alle Figuren, mit Ausnahme von Aeneas, sind Abspaltungen oder Projektionen Didos. Und alle sind sie gleich, in weiße Rockmäntel gekleidet – schwarz dagegen die Hexen, in Schmedings Psychogramm der selbstzerstörerische Anteil ihres Ichs. Wie der aus Troja geflüchtete, in Purcells Version der antiken Sage episodenhaft an den Rand gedrängte Aeneas, besitzt auch Dido eine große Sehnsucht. ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
Wie oft müsste man leben, um aus dem Tod klug zu werden?» Der Schriftsteller und Philosoph Elias Canetti formulierte diese Frage in seinen zahlreichen Schriften über den Tod, mit dem er haderte, den er am liebsten abgeschafft hätte – «wenn es ginge». Allein, es geht nicht. Bislang. Man weiß nicht, ob Andriy Zholdak ähnlich wie Canetti dem Tod den Krieg erklärt...
Die Güte Gottes? Scheint unermesslich. Zumindest in dieser Geschichte aus dem ersten Buch Mose, die mit größtmöglicher Empathie das Schicksal einer jüdischen Familie schildert. Deren Oberhaupt, der greise Tobit, gerät, weil er tote Israeliten bestattet, mit den herrschenden Assyrern in Ninive aneinander und erblindet. Auch Sara, die Tochter eines Verwandten,...
«Gleich von unbegrenztem Sehnen/ Wie entfernt von träger Ruh’/ Müsse sich mein Leben dehnen/ Wie ein Strom dem Meere zu ...» Wir wissen nicht, ob Aleksandra Kurzak dieses Gedicht von Friedrich Rückert gelesen hat; gleichwohl könnte es sehr gut als Motto über ihrem neuen Album stehen. Der Titel «Desire», den sie dem Recital gab, mag derlei Assoziationen erlauben,...
