Blutopfer und Führerkult
Claus Guth hat seinen Grundansatz in letzter Zeit kaum variiert. Missbrauch, Dekadenz oder mentale Instabilitäten waren Leitmotive seiner Inszenierungen. Wer da an was oder wem litt, wurde in aller Deutlichkeit vorgeführt. Nun, beim neuen «Parsifal» in Barcelona, findet sich zwar wieder das bekannte großbürgerliche Ambiente. Doch aufs bekannte Guth-Schema lässt sich der Abend nicht reduzieren. Er arbeitet mit gezielter Unklarheit. Die Inszenierung stellt dem mitdenkenden Rezipienten Fallen, sie schlägt Haken und führt auf Irrwege.
Hohe Aufmerksamkeit erfordert allein das sich ständig drehende Bühnenbild von Christian Schmidt, ein Konglomerat aus Wohn- und Schlafräumen, Salons, Treppen. Alles wirkt abgenutzt, beschädigt, verletzt. Es sind Un-Orte, in denen verlorene Subjekte hausen (die Kostüme verweisen aufs Fin de Siècle).
Während des Vorspiels sieht man in diffusem Licht eine Szene häuslicher Gewalt. Ein Konflikt zwischen Vater und Sohn endet mit zerbrochenem Geschirr und einer zugeschlagenen Tür. Diese Antibeziehung zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend, wobei im ersten Aufzug etwas Ungeheures geschieht: Titurel vollzieht die Gralszeremonie und benötigt dafür das reale ...
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Opernwelt April 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jörn Florian Fuchs
Sambafieber erwartet man in einer brasilianischen Oper des späten 19. Jahrhunderts vergebens. Mestizische Leidenschaften werden ein gutes halbes Jahrhundert später in Epen, Romanen und Gedichten von Rosa, Amado oder Andrade beschworen, ein wenig früher bereits in der immensen Musikproduktion von Heitor Villa-Lobos. Kunstmusikalisch orientiert sich der riesige...
«Gar viel und schön ward hier in dieser Halle von euch, ihr lieben Sänger, schon gesungen.» Den Begrüßungsworten des Landgrafen aus dem zweiten Akt von «Tannhäuser» möchte man hinsichtlich Bayreuths ein Fragezeichen hinzufügen: Viel ja, schön öfter – doch auch am besten? Dass sich auf dem Grünen Hügel die jeweils herausragenden Wagner-Sänger einer Generation...
Im Februar stand der Spielplan des Stuttgarter Opernhauses ganz im Zeichen des Balletts, das seinen 50. Geburtstag feierte. Wer dennoch Lust auf Musiktheater hatte, konnte seine Neugier, abseits der üblichen Pfade, gleich zweimal befriedigen – mit Mozarts «La finta giardiniera» in einer szenischen Produktion der Musikhochschule im kleinen Cannstatter...
