Bieito, der Biedermann
Auf Bildern ist Marisol Montalvo eine perfekte Lulu. Im Programmheft findet man die dunkelhäutige Schönheit: schlank, unbezähmbar, mit wild funkelnden Augen und irrem Lachen, überwältigt von Lust, ganz hingegeben an den Moment, kindlich und doch höchst gefährlich. Und denkt: Wer sonst als sie sollte die Lulu singen, dieses mythische Frauenwesen, diese Projektionsfläche für männliche Fantasien, dieses «schöne, wilde Tier», das Liebhaber scharenweise um den Verstand bringt und ins Verderben stürzt?
Die Realität auf der Baseler Bühne ist dann ernüchternd.
Gehemmt agiert Montalvo, vorsichtig, mit angezogener Handbremse, als traue sie der Rolle nicht, als hätte sie sie nicht schon oft in Berlin, Paris und anderswo gesungen. Eine Lulu muss an die Grenzen gehen, darf nicht durch des Gedankens Blässe angekränkelt sein. Montalvo aber ist eine Zweiflerin, und so klingt auch ihre Stimme, die allzu oft – etwa im «Lied der Lulu» – glanzlos ist, dünn und dazu weniger textverständlich. Das Sinfonieorchester Basel unter Gabriel Feltz bietet mit seinem langsamen, wattierten Spiel keinen Ankerpunkt.
Haushohe Poster der splitternackten Marisol Montalvo dekorieren das erste Bild. Regisseur Calixto ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Haydn auf der Opernbühne – auch im Jubiläumsjahr ist das die Ausnahme. Die Zürcher Oper kann sich rühmen, sein heiteres Pastoraldrama «La fedeltà premiata» aus der Eszterházy-Zeit immerhin schon einmal, 1975, zehn Jahre nach der ersten Edition, auf die Bretter gebracht zu haben: damals in Szene gesetzt vom großen Jean-Pierre Ponnelle, als Schäferspiel im Ambiente...
Er floh vor der pietistischen Enge seiner Heimatstadt in die großen Metropolen, sobald er konnte. Er war attraktiv und eloquent, kreativ, polyglott und scharfzüngig. In seinen Opern war er der größte Frauenversteher des Barock. Trotzdem hatte er zeitlebens keinen belegbaren intimen Kontakt zum anderen Geschlecht. Wenn man die gesicherten Eigenschaften und...
«Die Schrecken der Oper sind süß», heißt es in Heiner Müllers «Quartett». Es war die Idee des Regisseurs Thomas Bischoff, zwischen Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» und Schönbergs «Erwartung» eine Kurzversion von Heiner Müllers Schauspiel «Quartett» zu setzen und so den Reigen der Paare, der als knallbunter Werbefoto-Fries den Abend begleitet, bis in die...
