Berlioz und Goethe
Steht da Willy Loman auf der Straßenbrücke, dicht an der Bruchkante? Der traurige Held aus Arthur Millers Nachkriegsdrama «Death of a Salesman»? Die Garderobe passt: weißes Hemd, brauner Anzug, Hut im Stil der 50er-Jahre (Kostüme: Pola Kardum).
Stumm schaut er von der notdürftig gesicherten Bauruine auf die Menge herab, die in die sandige Brache drängt: eine nature morte mit Bergsilhouette, Leinwand, einem alten Peugeot Pickup, roten Vorhängen und lebendem Schimmel, der zusammenzuckt, als der Chor der Opéra de Lyon im Oster-Bild das dreimalige «Hosanna!» schmettert (Bühne: Christian Friedländer). Bevor Willy alias Faust seine Auftrittsarie («Le vieil hiver») anstimmt, deklamieren die Choristen in scharf geschnittener Diktion: «Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit in der Türkei, / die Völker aufeinander schlagen.» Goethe, «Faust», erster Teil, zweite Szene: eine (Bürger-)Stimme aus dem Volk.
Natürlich stützt David Marton sich bei den eingeschobenen Sprechtexten, wie Berlioz für das Libretto von «La Damnation de Faust», auf die französische Übersetzung Gérard de Nervals. Die zeitlose Aktualität der ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
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