In Schönheit sterben
Die Frage stellt sich immer wieder: Kann man Händels Oratorien als Musiktheater behandeln? Oder sind sie doch auf der Konzertbühne besser aufgehoben? Dass seine späten Werke – und dazu gehört «Theodora» – bühnentauglich sind, bewies Peter Sellars 1996 in Glyndebourne auf unvergessliche Weise. Die biblische Erzählung wurde bei ihm zum allgemeingültigen Drama. Dawn Upshaw, David Daniels und Richard Croft, auch Lorraine Hunt, wuchsen über sich hinaus. Auch damals dirigierte William Christie. Alle fanden gemeinsam zu einer atemraubenden Intensität.
Sellars’ Interpretation setzt bis heute Maßstäbe. Hohe Maßstäbe. Stephen Langridges Version am Théâtre des Champs-Elysées ist ihnen nicht gewachsen. Das Problem dieser Neuproduktion: Eine Deutung bietet sie eigentlich gar nicht an. Der englische Regisseur (zur Zeit Chef der Göteborger Oper) beweist guten Geschmack und viel Feingefühl, arrangiert das Geschehen ästhetisch ansprechend. Als die Christen erschossen werden, sieht sogar der Blutfleck an der Wand noch gut aus. Kalt über den Rücken läuft es einem nicht. Der Aufführung fehlen Fleisch und Leben, Ecken und Kanten – alles, was für dramatische Spannung sorgen würde, auch: für ein ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Christian Merlin
Damals, 1836 in Sankt Petersburg, gab es nach dem Polenakt keinen Applaus. Trotz der prächtigen Tänze und Gesänge, mit denen Michail Glinka ihn in seiner neuen Oper servierte. Die Polen hatten schließlich erst sechs Jahre zuvor versucht, den russischen Zaren loszuwerden, der ihnen vom Wiener Kongress als König vorgesetzt worden war. Jetzt saß Nikolaus I. im...
Herr Meister, Sie sind Chefdirigent des RSO Wien. Musikchefs sind in Wien rar. Werden Sie am Karlsplatz schon auf Händen getragen?
Nicht, dass ich wüsste ... Obwohl: Ich bin mal kurz hintereinander mit demselben Wiener Taxifahrer gefahren. Als ich ihn auch beim zweiten Mal bat, die Musik im Radio abzuschalten, meinte er: «Ach ja, ich erinnere mich: Sie sind doch...
Magisch flirren kann der Beginn des «Lohengrin», flageolettfarbene Sphärenmusik sein. In Bern geht das erst mal schief – weil eine der Violinen um Haaresbreite danebenliegt. Erst als die Holzbläser und die tiefen Streicher den Klang grundieren, erfasst ein Sehnsuchtssog das Orchester wie eine geheime Tiefenströmung. Mario Venzago kann das, kein Zweifel. Der Chef...
