Beiläufig errungen
Die griechische Urversion der Geschichte ist bekannt: Phädra liebt ihren Stiefsohn Hippolyt, der weist sie zurück, aus Rache bezichtigt sie ihn der Vergewaltigung, Hippolyt wird getötet, Phädra erhängt sich. In der römischen Überlieferung hat diese Tragödie des ungeordneten Triebs eine Fortsetzung: Die Göttin Artemis/Diana entrückt die zerstückelte Leiche ihres Lieblings Hippolyt nach Italien, flickt ihn wieder zusammen, macht ihn zu ihrem Priester; noch später mutiert er zu einer lokalen Waldgottheit.
Der Lyriker Christian Lehnert fasst in dieser Geschichte abermals den archetypischen Konflikt, der sich als Konstante durch die Geistesgeschichte zieht – als «Stofftrieb» und «Formtrieb» (Schiller), «Dionysos» und «Apoll» (Nietzsche), «Es» und «Über-Ich» (Freud); repräsentiert in den beiden Göttinnen Aphrodite, dem verkörperten Lustprinzip, und der keuschen Artemis, hier weniger Jagdgöttin als Schwester des Licht- und Vernunftgottes Apoll (Henze vertraut sie der androgynen Stimme eines Countertenors an). Es gilt, die beiden Kräfte in der eigenen Existenz zu integrieren und sich von ihren Ansprüchen freizumachen – den unreflektierten Triebwünschen ebenso wie einer sich absolut ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Ingo Dorfmüller
Angesichts der landauf, landab grassierenden «Ring»-Neuinszenierungen hat es eine jede immer schwerer, sich als unverwechselbar zu annoncieren. Die jüngste Gemeinschaftsproduktion des Pfalzbaus Ludwigshafen und der Oper Halle (zugleich mit dem «Ring»-Gewinn hat diese den Verlust ihres Kindertheaters zu verbuchen) versucht’s mit dem originalen Richard-Wagner-Aus-...
Windschief. Ungeduldig hingefläzt. Die Schiebermütze in den Nacken gedrückt rutscht Krzysztof Warlikowski auf dem Regiestühlchen hin und her, von dem er sich zur Begrüßung nur ganz kurz, für ein sehr müdes Lächeln, erhoben hat. Sein Tag sei schlecht gewesen, entschuldigt er sich. Die Proben zum «Rake’s Progress» von Strawinsky, die er an der Berliner Staatsoper...
Das Glück ist immer woanders. Und welcher Ort würde die Ruhelosigkeit, die ständige Suche, das Unbehauste, Vorläufige besser symbolisieren als ein Flughafen? Konsequent also, dass Regisseurin Elisabeth Stöppler und Rebecca Ringst (deren Stuttgarter «Rosenkavalier»-Raum gerade zum «Bühnenbild des Jahres» gewählt wurde) in Dresden die neueste Oper von Hans Werner...
