Bedeutungsschwangerschaften
Wieder einmal herrscht Endzeitstimmung in der Staatsoper Stuttgart. Wie schon in seiner Inszenierung des «Fliegenden Holländer» vor zwei Jahren (siehe OW 3/2008) stellt Calixto Bieito seine Auseinandersetzung mit Wagners «Parsifal» unter den Aspekt universeller Zerstörung. Den Zuschauer empfängt, noch bevor das Vorspiel einsetzt, eine apokalyptische Landschaft – Trümmer einer geborstenen Brücke, verbrannte Baumstämme, dichtes Unterholz. Brandschwaden und das glasige Licht eines sonnenlosen Tages lassen vermuten, dass die Katastrophe noch nicht so lange zurückliegt.
Einzelne versprengte Menschen sind zu sehen: eine inbrünstig Betende; eine hilflos umherirrende Schwangere; ein Mann im Strahlenschutzanzug; einer, der durchs Gestrüpp stolpert (Wagners 2. Gralsritter); einer, der ständig das Beil schwingt. Schließlich ein Hüne mit Rucksack: Gurnemanz, der Einzige in diesem zerlumpten, allmählich aus allen Ecken hervorkriechenden Haufen von Überlebenden (viele mit Gasmasken), der so etwas wie Autorität besitzt. Beklemmend später der Auftritt von Amfortas, der seine eigene Badewanne – im dritten Akt der Sarg Titurels – schleppt.
Immer wieder findet Bieito in seiner dichten, genau ...
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