Bauchmensch
Ziemlich genau 30 Minuten ist der zweite Aufzug alt, da wird er zur Anfechtung, auch für manchen Wagner-Nerd. Der Überraschungsangriff des Vorspiels, die jubelnden «Hojotohos» Brünnhildes, der Ehezank im XXL-Format. Und dann verpuffen und versickern die Effekte, weil es für den Göttervater ans Eingemachte geht, weniger fürs Publikum, so ist das jedenfalls in vielen Fällen. «Als junger Liebe Lust mir verblich ...
» Ein weit ausgreifender Monolog, ein ausgedehntes «Was bisher geschah», ein Rückblick, von dem doch jede Kleinigkeit dem erfahrenen «Ring»-Besucher bekannt sein dürfte. Es ist für viele im Publikum der Moment des innerlichen Ausstiegs: Ist die Häppchen-Bestellung für die zweite Pause vollständig? Und ob der Herd daheim wirklich ausgeschaltet wurde?
In der Berliner Staatsoper, im Herbst 2022, ist das anders. Dort steht Michael Volle – und vor ihm am Pult Christian Thielemann, der die Staatskapelle in diesem Augenblick bis zur Unhörbarkeit dimmt. Als die ersten Worte des Monologs geformt werden, da stellen 1200 Menschen im Parkett und auf den Rängen das Atmen ein. Was jetzt kommt, ist ein Fall für die Annalen. Man verfolgt einen Bariton beim singenden Denken. Und erlebt ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: Sänger des Jahres, Seite 18
von Markus Thiel
Auf die Frage nach dem größten und bedeutendsten Tenor lautet die Antwort auch heute noch fast einhellig: Enrico Caruso. Tenöre der jüngeren Vergangenheit, denen dieser Ehrentitel angetragen wurde, verweisen, wie Luciano Pavarotti, auf Caruso als ihren Urahn: «Ganz gleich, welches Jahr man gerade schreibt», urteilte Pavarotti, «Caruso wird immer ein ‹moderner›...
«Stephans ernste Begabung steht außer Frage.» Das schrieb der noch keine 21 Jahre alte Theodor Wiesengrund-Adorno (der sich erst im amerikanischen Exil als Theodor W. Adorno bezeichnete) im Mai 1924 über eine Aufführung von Rudi Stephans 1913 entstandener «Musik für Geige und Orchester». Doch empfand er den im Weltkrieg Gefallenen bereits als Zeuge einer...
Es gibt in Bayreuth ein höchst erfolgreiches Privattheater: Im Innenhof des Klavierbauers Steingraeber bietet der Regisseur und Schauspieler Uwe Hoppe seit 40 Jahren seinen ganz eigenen, stets frischen Blick auf das Werk Richard Wagners. Mit «Lohengrin sein Vater und der Gral» stellte man sich im vergangenen Sommer in der «kleinen Scheune» unter anderem der...
