Nachwirkendes Gift

Wagners Antisemitismus ist bis heute ein Thema, an dem sich die Musikwelt reibt. Dabei herrscht nicht unbedingt Einigkeit darüber, in welchen Werken sich der Judenhass des Komponisten konkret nachweisen lässt. Eine Spurensuche

Opernwelt - Logo

Sir Georg Solti erinnerte sich: Schon 1947 habe er als Mittdreißiger an der Bayerischen Staatsoper einen «Tristan» dirigiert – auswendig. Der greise Richard Strauss äußerte sich im Gespräch danach höchst anerkennend, auch über die Gedächtnisleistung, um dann überraschend zu fragen: Im H-Dur-Schluss, dem klanglich «schönsten» Akkord der Musikgeschichte, spielten alle Instrumente, mit einer Ausnahme. Ob er, Solti, wisse, welches Instrument dies sei. Der Gefragte gestand seine momentane Blockade. Worauf Strauss trocken erwiderte: «Ist doch ganz einfach – das Englisch-Horn.

Das Gift ist raus!»

Nun spielt Gift bei Wagner eine ganz besondere Rolle, als Droge wie als Tötungsmittel, das zugleich das Sterben verhindert. Tristans Wunde will sich nicht schließen, die Qual steigert sich ins Unermessliche, doch nur in Isoldens Armen wird ihm Erlösung im Liebestod zuteil. Das Leiden des Amfortas besteht erst recht im perennierenden Nicht-Leben-Können und Nicht-Sterben-Dürfen.

Rettung verheißen einzig der «reine Tor» und: «Der Speer nur schließt die Wunde, der sie schlug.» Die Unaufhörlichkeit der Verzweiflung gehört zum Heilsplan. Aufstieg wie Fall Siegfrieds in der «Götterdämmerung» bewirken ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: Mythos Wagner, Seite 123
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Ein Kind ihrer Zeit

Wie wohl ihr Social-Media-Account heißen würde? «@LaDivina» oder «@Mariacallas»? Oder einfach nur «@Maria»? Und wer würde ihn betreuen? Das Management, die Plattenfirma, sie selbst? Womöglich gäbe es die neuesten Roben zu sehen, Schnappschüsse von den Proben, gestellte Aufführungsfotos oder Privates mit dem aktuellen Lebensabschnittsgefährten, manchmal auch kleine...

Melancholie, mon amour

Herr Žuraj, wie geht also ein solches Kunststück?
Händl Klaus hat den Stoff von Thomas Mann schon lange in sich getragen und den Wunsch geäußert, daraus ein Musiktheaterstück zu machen. Mich selbst hat vor allem der Umbruch interessiert, in den die Hauptfigur der Erzählung gestürzt wird – von der Lebensblüte in diese Krankheit, in diesen Zerfall. Ich habe in diesem...

Der Anti-Utopist

Erinnern wir uns: Es ist kurz nach zehn am Abend, und noch einmal tönt da an diesem trüben Februartag 2018 des Hirten todestraurig klagende Weise, da raunt der getreue Kurwenal seinem der Welt eigentlich schon längst abhanden gekommenen Tristan zu: «Noch ist kein Schiff zu seh’n!» Wird die ihren Geliebten erlösende Isolde je zurückkehren? Wenn ja, dann sicherlich...