Das Abstrakte wird konkret
Die Liebe verleiht nicht immer Flügel. Eine einzige Feder, am Ende gerötet, schwebt über dem Dichter, der, über einen Tisch gebeugt, um Worte ringt. Und auch später spickt er damit entweder sein Alter Ego oder den Bühnenboden, statt schrittweise den eigenen Sehnsüchten zu folgen. Nicht umsonst zeigt ihn Daniela Kurz am Landestheater Linz von Anfang an in zwiefacher Gestalt: als Troubadour und Prinz von Blaye, der Jaufré Rudel ja in Wirklichkeit ist, zugleich als ein poetisches Ich, das seinen Gefühlen Gestalt gibt und zunächst eher ziellos einer «Liebe von Ferne» huldigt.
«L’Amour de loin» nennt Kaija Saariaho ihre erste, überaus erfolgreiche Oper, die vor 15 Jahren nach einer Vorlage von Amin Maalouf im Auftrag der Salzburger Festspiele entstand: ein komplexes Klangkonstrukt, das sich ganz auf das Innenleben der drei Protagonisten konzentriert, selbst wenn die Regisseurin die äußere Handlung durchaus bildhaft gestaltet. Noch während des Vorspiels öffnet sich der Vorhang im Musiktheater ein Stück, und aus der Höhe steigt der Pilger, der im weiteren Verlauf immer wieder alle Gegensätze überbrückt. Ein roter Bogen lässt zeichenhaft das Erreichbare erkennen, die weißen Schrägen, welche ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Hartmut Regitz
Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe...
Dass das doch so auffällt. Dass es eine Aufführung doch so spürbar prägt. In Karlsruhe ist eine Interpretation von Richard Wagners «Parsifal» zu erleben, bei der alle Beteiligten offenkundig an einem Strang gezogen haben. Das Ergebnis: eine musikalisch-vokal-szenische Einheit. Vier der fünf großen Partien sind mit Rollendebütanten bestückt, ohrenscheinlich...
Wenn die Herrichtung von «Tristan und Isolde» an der Opéra national du Rhin in Straßburg und Mulhouse jemanden in den Wahnsinn getrieben hat, ist uns das nicht bekannt. Wer ihr ein Lob des Maßes nachsagen wollte, begäbe sich aber gleichfalls auf schwankenden Boden. Denn: Welches andere Musiktheaterwerk überschreitet so mutwillig und aggressiv jede Grenze...
