Außenseiter
Die Klage eines der Überlebenden ist beredt: «Wir wurden zur störenden Erinnerung.» Augen zu, wegschieben, verdrängen fällt eben so viel leichter als erklären, durchdringen und bewältigen. Doch Letzteres funktioniert nicht, wenn zehn Jahre nach dem schrecklichen Vorfall plötzlich alles wieder präsent ist. In einer Familie, die Normalität spielt, so unbeirrt wie verzweifelt Schlussstriche ziehen will. Doch die werden von der Realität sofort verwischt. Auch deshalb ist «Innocence», die 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführte letzte Oper von Kaija Saariaho, so aktuell.
Das Staatstheater Nürnberg ist bereits das vierte Produktionshaus, im kommenden April folgt die New Yorker Met.
Im Blick zurück, im Ringen um Erklärungen, in der schockierenden, hilflos machenden Konfrontation mit der Vergangenheit ist «Innocence» eine enge Verwandte der «Passagierin» von Mieczysław Weinberg. Und entfaltet doch, gerade weil Tage vor der Nürnberger Premiere ein Messerstecher durch einen englischen Zug wütete, eine ganz andere Wucht. Die fiktive Handlung ist täuschend echt. Ein Amokläufer erschießt in einer finnischen Schule neun Jugendliche. Zehn Jahre später heiratet sein Bruder, seine nichts ahnende ...
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Opernwelt Dezember 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Markus Thiel
Es ist nur ein «Schattenbild». Doch ein vielsagend-mehrdeutiges. Es zeigt den Dirigenten (nicht den Komponisten) Gustav Mahler, in vielen verschiedenen Posen und Positionen, bei seiner «Arbeit»; mal wild fuchtelnd, mal herrisch gebietend; mal mahnend, mal insistierend; mal drängend, mal distanzierend. Man kommt nicht umhin, in dieser liebevollen, posthum erstellten...
Mit Vertrauen in Libretto und Musik, erzählt aus der Entstehungszeit heraus und trotzdem auch heute verständlich: Das ist diese von Dirk Löschner inszenierte Zwickauer Puccini-«Bohème» – ein Abend, um tief durchzuatmen. Es gibt sie also noch, die einfachen Dinge, und das sogar auf deutschsprachigen Bühnen. Keine verquasten Mätzchen, keine Ambitionen, das Publikum...
Alles, was wir verstehen, ist nichtig, und groß und bedeutungsvoll allein, was wir nicht begreifen» – Tolstois Bekenntnis zum Irrationalismus dürfte heutzutage nur noch wenig Zustimmung ernten, in Bezug auf den «Don Giovanni» ist seine Ansicht aber nicht so leicht von der Hand zu weisen. Sollte die singuläre Größe dieser Oper tatsächlich darauf beruhen, dass...
