Aus zweiter Hand

Transatlantische Beziehungen: Gustave Kerker, Stephen Sondheim, Jake Heggie und die Operette

Operettenkönige gab es nicht nur in Wien. Als die k.u.k. Welt noch in Ordnung und das ganze Wiener Leben Operette war, machten die Berliner schon ihr eigenes Ding. Schielten weder zu Offenbachs bittersüßen Buffonerien nach Paris, noch auf die Walzer an der schönen blauen Donau. Blähten lieber die preußischen Backen und pfiffen ihren Stücken ein bisschen Marschluft und eine Prise Kurkapelle ein.

Später, als im kriegsversehrten deutschen Reich nur noch Kaisereichen und Bismarcktürme vom Hurra-Pariotismus der wilhelminischen Pickelhauben kündeten, lieferte Amerika den Stoff, aus dem in Berlin die neuen Operettenträume geschneidert wurden: Revue, Vaudeville und Music Hall, Shimmy, Foxtrott und Charleston. Die Herzogin kam nun (sogar in Wien!) aus Chicago, Rhythmus und Tonfall wehten vom Broadway rüber. Künneke, Charell, Benatzky, Abraham – wer etwas war oder werden wollte in der Weimarer Unterhaltungsbranche, suchte den Kick im gelobten Land des Showbiz.

Am Metropol-Theater hatte man es schon 1909 mit einer «amerika­nischen Tanzoperette» probiert. Die oberen Zehntausend, eine Typen­komödie mit falscher Prinzessin, schwerreichen Bonvivants, verzogenen Millionärstöchtern und einem ...

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Opernwelt März 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 29
von Albrecht Thiemann

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Geisterstunden

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Die Glyndebourne-Produktion (eine Reprise der Inszenierung von 2005 aus dem Jahr 2011, aber erstmals auf DVD)...

Versickert und versemmelt

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die Elbphilharmonie lachen hören.» – Der Spruch zwitschert munter durchs Internet und ist schon fast ein Bonmot. Weil man die Baustellen so schön austauschen kann: gegen Stuttgart 21. Gegen die Berliner Museums­insel. Oder die Berliner Staatsoper, die wohl noch ein Weilchen im Schiller...

Musik ist eine geduldige Kunst

Die Aufführung begann um fünf nach vier am Nachmittag. Als nach dem ersten Akt der Applaus einsetzte, war es fünfundreißig Minuten nach fünf, ohne dass unsere Uhr ihren Geist aufgegeben hätte. Das ist natürlich keine präzise Zeitmessung, aber doch eine verblüffende Erkenntnis und sehr wahrscheinlich ein Rekord. Schneller ist der Gral noch nie enthüllt worden –...